SEHEN UND GESEHEN WERDEN / SEEING AND BEING SEEN

Sich der eigenen Wunde zu verschließen, bedeutet auch, sich vor sich selbst zu verschließen.
Durch das sich Öffnen zur Wunde wird man sichtbar als das, was man wirklich ist. Die Wunde ist die Krönung, mit der man ganz wird …

Sieht man die Wunde, sieht man auch sich selbst. Sich selbst zu sehen, bedeutet, bewusst zu sein. Die eigene Anwesenheit ist das Licht auf dunkler Erde, das durch den Kerker der Wunde dringt.
Die Wunde ruft das, was sieht herbei und heilt durch das gesehen werden.

Das, was sieht, ist gleichzeitig das, was gesucht wurde.
Das, was sieht, ist der*die Zeug*in.
Das, was sieht, ist der*die Wächter*in
Das, was sieht, ist der*die Freund*in …

Closing oneself to one’s wound also means closing oneself to oneself.
By opening oneself to the wound, one becomes visible as what one really is. The wound is the crowning with which one becomes whole …

If one sees the wound, one also sees oneself. To see oneself is to be conscious. One’s presence is the light on dark earth that penetrates through the dungeon of the wound.
The wound calls forth that which sees and heals through being seen

That which sees is at the same time that which has been sought.
That which sees is the witness.
That which sees is the guardian.
That which sees is the friend …

BEING REAL

“The time has come to turn your heart into a temple of fire.”
~ Rumi

Mit der Wunde zu sein bedeutet für eine Weile auf unsicheren, entzündeten Boden zu gehen, doch in der Sekunde, in der man die Wunde sieht, in der man mit ihr präsent ist, wird man wirklicher …

Erst Präsenz bringt die Kraft und Klarheit, um automatisiertes destruktives Verhalten zurückzuweisen. Erst Präsenz hebt das eigene Wesen aus den Schatten an die Sonne der Wirklichkeit …

Wirklicher zu werden, verlangt es, die Dinge aufzufangen, die einem das wilde Leben zuwirft, es auch mit den heftigen Dingen aufzunehmen …

Zuerst braucht es Präsenz, das bewusste Wahrnehmen der eigenen Anwesenheit in den diversen Situationen, sie ist die Grundlage, ohne sie sind wir ständig in Vorstellungen und Wünschen gefangen …

Erst Präsenz entwickelt einem aus den Verstrickungen der Welt, restauriert die angeschlagene Struktur und bringt die Farben zurück. Schlückchenweise fließt man zurück ins Leben und schlückchenweise fließt das Leben zurück zu uns …

Being with the wound means walking on uncertain, inflamed ground for a while, but the second you see the wound, when you are present with it, you become more real …

Only presence brings the power and clarity to reject automated destructive behavior. Only presence lifts one’s own being from the shadows to the sun of reality …

To become more real requires to catch the things that the wild life throws at you, to take on the fierce things as well …

First it needs presence, the conscious perception of one’s own attendance in the various situations, it is the basis, without it we are constantly caught in ideas and desires …

Only presence develops one out of the entanglements of the world, restores the battered structure and brings back the colors. Little by little one flows back into life and little by little life flows back to us …

MASKS OF THE WILD

In der Auseinandersetzung mit der eigenen Wunde – wie lange diese auch immer dauern mag – passiert etwas Außerordentliches: Man wird immer wirklicher. Nichts kann einem besser aus dem Nebel schälen …

Ich will hier nichts beschönigen, es geht ordentlich zur Sache. Es braucht viel Kraft und Klarheit, um den winselnden und jaulenden Egostrukturen die Masken abzunehmen und das stille Wachen und Bezeugen anzurufen …

Vielleicht will Leben nicht ‚besser‘ sein, sondern das, was es ist. Es folgt vielleicht keinen geheimen Plan, sondern entfaltet sich einfach so, unerbittlich feierlich und leuchtend. Seine Unschuld und Perfektion braucht keine Bedeutung und keinen Grund …

Es überzeugt durch seine Wirklichkeit, während man mit der Stirn am Ursprung lehnt, während die großen trockenen Blättern im Nachtsturm rauschen und tosen und während im Summen der Zikaden der Sommer träumt …

In the confrontation with one’s own wound – however long it may last – something extraordinary happens: one becomes more and more real. Nothing can peel you out of the fog better …

I don’t want to sugarcoat anything here, it’s getting down to the wire. It takes a lot of strength and clarity to take off the masks of the whimpering and howling ego structures and to call upon the silent waking and witnessing …

Maybe life doesn’t want to be ‚better‘, but what it is. It may not follow a secret plan, but just unfold so relentlessly solemn and luminous. Its innocence and perfection needs no meaning and no reason …

It convinces by its reality while leaning with the forehead at the source, while the big dry leaves rustle and roar in the night storm and while in the buzzing of the cicadas the summer dreams …

APPLAUS UND VERBEUGUNG / APPLAUSE AND BOW

LET IT PAINT

Wenn das Ego, die konditionierte Persönlichkeit es schafft, sich selbst nicht so wichtig zu nehmen – weder in Freud noch Leid, wenn es zu so etwas wie Demut fähig ist, wird das Kostbarste spürbar: Das Leben selbst, das unberührbar in den Formen träumt, spielt sein hohes Lied in den Körpern der Wesen …

Ego ist Teil des Lebens, ist willkommener Gast. Obwohl Leben dessen Quelle und Grundlage ist, hat Ego die Neigung, sich wichtiger zu nehmen oder gar das Unberührbare mit seinem*ihrem Wünschen und Wollen zu vereinnahmen und überdeckt somit die fraglose Souveränität des Seins, während es sich wieder im eigenen Theater verwickelt …

Und doch – immer wieder – wenn es sich erinnert und staunt angesichts der überwältigenden Inszenierung und Performance des Seins, bleibt selbst dem Ego nur mehr Applaus und Verbeugung. Hier findet es die Freude am ganz klein sein …

When the ego, the conditioned personality manages not to take itself so important – neither in joy nor in sorrow, when it is capable of something like humility, the most precious thing becomes perceptible: life itself, which dreams untouchably in the forms, plays its high song in the bodies of the beings …

Ego is part of life, is welcome guest. Although life is its source and basis, ego has the tendency to take itself more important or even to pocket the untouchable with its desires and will and thus covers the unquestionable sovereignty of being, while it gets entangled in its own theater again …

And yet – again and again – when it remembers and marvels in the face of the overwhelming staging and performance of being, even the ego is left only with applause and bowing. Here it finds the joy of being very small …

ARTISTIC VISION

Ob man ein Kunstwerk gerade mal so hinkriegt oder die eigene visionären Möglichkeiten auslotet, bleibt dem*r Künstler*in überlassen. Visionäre Kraft kommt nicht aus dem Verstand, sie kommt aus dem Wesen …

Das Wesen, die innere Person, welche einfach nur präsent ist und wahrnimmt, lebt verborgen unter dem Lärm der Gedanken wie ein*e Eingeborene*r im Wald. Seine*ihre Tage und Nächte haben keinen Preis, es ruft mit den Vögeln in den heranziehenden Donner …

Das Wesen unterscheidet sich vom Ego, sie leben zwar in demselben Haus, dienen aber unterschiedlichen Prinzipien. Ego ist dem Verstand zugeordnet und das Wesen dem Herzen. Auch in der Motivation sind sie verschieden. Ego wird durch Anerkennung,  Druck und Angst aktiviert …

Will man das Wesen motivieren, braucht es Freude, Interesse, Begeisterung und Abenteuer. Deswegen inspirieren und  begeistern all diese wilden künstlerischen Visionen, die aus dem Wesenhaften entsprungen sind, bereits seit Äonen und immer noch jetzt den*die geneigte Betrachter*in …

Whether you can just about manage a work of art or explore your own visionary possibilities is up to the artist. Visionary power does not come from the mind, it comes from the being …

The being, the inner person, which is simply present and perceives, lives hidden under the noise of thoughts like a native in the forest. Its days and nights have no price, it calls with the birds in the approaching thunder …

The being is different from the ego, they live in the same house but serve different principles. Ego is assigned to the mind and the being to the heart. They are also different in motivation. Ego is activated by recognition, pressure and fear …

If you want to motivate the being, it needs joy, interest, enthusiasm and adventure. That’s why all these wild artistic visions, which have sprung from the beingness, already inspire and excite the inclined viewer since eons and still now

ASCHENKÖNIG*IN / KING *QUEEN OF ASHES

‚Die Krücke kann zum Zepter werden.‘
Flaubert

Immer wieder geht es darum, sich dem Schmerz zu öffnen. Wo auch immer die Ursache dafür gesucht wird, es ist doch immer der eigene Schmerz, der spürbar wird und der einzige Weg raus, ist sich ihm zu öffnen …

Meist ist es nicht damit getan mal kurz reinzuschnuppern, man muss schon eine Weile in den heftigen Gestaden bleiben, in Reichweite des Nachtmahrs, an den flammenden Knochen wachend, ohne Grund und ohne Ziel …

Sich dem Schmerz zu öffnen hat etwas Sanftes, Integratives. Wie ein Lot reicht es in die Tiefe, hält die zugrunde liegende Wunde und dadurch wird Schatz frei, der vom Schmerz bewacht wurde. Etwas wird gekrönt und wächst über sich hinaus, wie ein Phönix aus der Asche …

Wenn die Öffnung zur Wunde bleibt, sodass man darin spazieren kann in die Welt hinaus, öffnet sich auch das Miteinander und es wird klar, dass der nicht gefühlte Schmerz etwas verschlossen hielt. Die bewusste Inklusion der Wunde versöhnt mit einer Welt, die vorher feindlich war …

‚The crutch can become a scepter.‘
Flaubert

Again and again, it is a matter of opening oneself to pain. Wherever the cause is sought, it is always one’s own pain that is felt and the only way out is to open up to it …

Mostly it is not done with a short sniff, you have to stay for a while in the fierce shores, within reach of the nightmare, watching over the flaming bones, without reason and without goal …

To open oneself to the pain has something gentle, integrative. Like a plumb line, it reaches into the depths, holds the underlying wound, and through it, treasure is released that was guarded by the pain. Something is crowned and grows beyond itself, like a phoenix from the ashes …

If the opening to the wound remains, so that one can walk in it out into the world, the togetherness also opens and it becomes clear that the pain that was not felt kept something closed. The conscious inclusion of the wound reconciles with a world that was previously hostile …

DER TRAUM DER FORMEN / THE DREAM OF THE FORMS

„Sie halten mich für verrückt, weil ich meine Tage nicht für Gold verkaufen will. Und ich halte sie für verrückt, weil sie glauben, meine Tage hätten einen Preis.“
Khalil Gibran

Der konditionierte Verstand verteidigt sich gegen Trugbilder. Konditionierte Interpretationen ranken sich um reale Ereignisse, bis diese als verfälschte und verzerrte Bedrohungen erscheinen …

Dann entwickelt der Verstand Strategien, um die von ihm selbst geschaffenen Bedrohungen zu eliminieren. Sorgen und Ängste zu verbreiten ist ein sehr altes, doch immer noch gut funktionierendes Machtinstrument …

Es war und ist immer eine der größten Herausforderungen des Menschen, nicht auf diesen Teufelskreis zu reagieren, sondern ihn zu sehen als das, was es ist und stattdessen dem Raum zu lauschen, in dem sich das Theater entspinnt …

Bald darauf treten die Darsteller*Innen mit einer Verbeugung vor den Vorhang und mit ihnen das Unberührbare, erlöst aus dem Traum in den Formen …

„They think I’m crazy because I won’t sell my days for gold. And I think they are crazy because they think my days have a price.“
Khalil Gibran

The conditioned mind defends itself against mirages. Conditioned interpretations entwine around real events until they appear as falsified and distorted threats …

Then the mind develops strategies to eliminate the threats it has created. Spreading worry and fear is a very old, yet still well-functioning, power tool …

It has always been and remains one of man’s greatest challenges not to react to this vicious circle, but to see it for what it is and listen instead to the space in which the theater unfolds …

Soon after, the performers step in front of the curtain with a bow and with them the untouchable, redeemed from the dream in the forms …

OHNE SPANNUNG KEIN LICHT / WITHOUT TENSION NO LIGHT

‚Solange du das nicht hast, dieses ‚Stirb und werde‘, bist du nur ein trüber Gast auf dieser dunklen Erde.‘
J.W. von Göthe

Das Universum ist sehr erfindungsreich darin, unsere Komfortzonen zu torpedieren. Kaum scheint einmal alles geschmeidig zu laufen  kommt Spannung ins Geschehen, meist in Form von Zeitgenossen oder Umständen, die auf empfindliche Stellen drücken …

Aus dem Gleichgewicht gebracht, fällt es schwer, gleich die Chance der Veränderung wahrzunehmen, auch der Körper gerät unter Spannung, Emotionen bäumen sich auf und Geschichten voller Rechtfertigung, Angriff oder Verteidigung fahren hoch wie Schilde …

Gelingt es dennoch, die Geschichten zu ignorieren, aus den Reaktionsmustern auszusteigen, die Spannung auszuhalten und die karmischen Bewegungen sich selbst zu überlassen, blickt man stattdessen in das innere Reich: Wie in einem alchemistischen Prozess bildet Spannung die Grundlage für Veränderung …

Es wird an den innerpsychischen Strukturen gerüttelt, die Türen zu verschlossenen Kammern – in denen Schmerz und andere Kellerkinder – kauern, öffnen sich. In dem Tumult wird gebundene Lebensenergie frei, welche zusammen mit dem Schmerz weggesperrt war …

Diese Lebensenergie ist nun dem Eigentlichen zugänglich. Das, was man wirklich ist, darf jetzt dank der freigewordenen Energie in die eigene Kraft kommen …

‚As long as you do not have this, this ‚die and become‘, you are only a dull guest on this dark earth.‘
J.W. von Göthe

The universe is very inventive in torpedoing our comfort zones. No sooner does everything seem to be running smoothly than tension enters the scene, usually in the form of contemporaries or circumstances that press on sensitive spots …

Brought out of balance, it is difficult to immediately perceive the chance of change, the body also gets under tension, emotions rear up and stories full of justification, attack or defense go up like shields …

If one nevertheless manages to ignore the stories, to step out of the reaction patterns, to endure the tension and to leave the karmic movements to themselves, one looks instead into the inner realm: As in an alchemical process, tension forms the basis for change …

Inner-psychic structures are shaken, the doors to locked chambers – where pain and other basement children cower – open. In the turmoil bound life energy is released, which was locked away together with the pain …

This life energy is now accessible to the actual. That which one really is may now, thanks to the released energy, come into one’s own power …

ANNÄHERUNG AN EIN GEHEIMNIS / APPROACHES TO A MYSTERY

Diese Blogs, die ich hier immer wieder veröffentliche, erheben nicht den Anspruch auf allgemeingültige Wahrheit, sie sind bloß subjektive Beobachtungen, Annäherungen an ein Geheimnis …

Das passiert von selbst, fing schon an als Teenager und wohl noch früher. Beim ersten Mal, an das ich mich erinnere, saß ich an einem trüben Teich in der Au und beobachtete die Wasserläufer, die mit ihren dünnen Beinen über der Wasseroberfläche glitten und ZACK war einer weg …

Dann der Nächste und der Nächste, bis mir klar wurde, dass ein Frosch oder Fisch von unten sie blitzschnell wegschnappte. Die armen Wasserläufer hatten keine Chance und ich dachte noch: Mann, ist das Leben unfair!
Und dann gleich danach kam die Erkenntnis: Ja, aber es ist ja nur das Leben, in seinen vielen Verkleidungen, dass sich selbst isst …

Das tat gut! Und so ist es doch oft: Wenn wir genau hinsehen mit offenen Blick – ohne etwas zu wollen – sehen wir die Dinge, die eh da sind, nur dass sie vorher verborgen waren. Wir sehen in das Geheimnis, küssen es wach und erst dadurch kann sich dessen Wert und Wirklichkeit für uns entfalten …

These blogs, which I publish here again and again, do not claim to be universally true, they are merely subjective observations, approaches to a mystery …

It happens by itself, it started when I was a teenager and probably even earlier. The first time I remember, I was sitting by a murky pond in the floodplain watching the water striders gliding with their skinny legs above the surface of the water and BANG one was gone …

Then the next and the next, until I realized that a frog or fish from below was snatching them away in a flash. The poor water striders had no chance and I still thought: Man, life is unfair!
And then right after that came the realization: Yes, but it’s only life in its many disguises that eats itself …

That felt good! And so it is often: If we look closely with open eyes – without wanting anything – we see the things that are there anyway, only that they were hidden before. We see into the mystery, kiss it awake and only through this its value and reality can unfold for us …

REAL LIFE

Zugegeben, das Digitale ist sehr faszinierend, vor allem für die Jugend ist es ein genialer Spielplatz. Aber wenn der alte Mond dir Worte in den Mund legt, verwoben mit dem Geruch, der dem Regen vorauseilt, bezeugt vom Himmel, der wie von einem Pferdekarren gezogen wird, bis der Donner grollt …

Aber wie willst du so etwas wie die Sonne digital machen? Ihre Wirkung auf das Blut der Echse? Wie den wilden Flug der langbeinigen Wespe um den Lavendelbusch? Wie das Zirpen und Wehen im tiefen Schatten von Nyx, der Königin der Nacht, die schon über so vielen Feuern wachte?

Und wie das Drängen im Inneren, dass der Raupe Flügel verpasst, die Herzen zueinander treibt, die Ketten der Menschen löst, ihnen das Licht des Erkennens schenkt und sie in das nächste Level anhebt?

Admittedly, the digital is very fascinating, especially for the young it is a brilliant playground. But when the old moon puts words in your mouth, interwoven with the smell that precedes the rain, witnessed by the sky pulled as if by a horse and cart until the thunder rumbles

But how will you make something like the sun digital? Its effect on the blood of the lizard? How the wild flight of the long-legged wasp around the lavender bush? How the chirping and waving in the deep shadows of Nyx, Queen of the Night, who has watched over so many fires?

And how the urging within that gives wings to the caterpillar, drives hearts toward each other, loosens the chains of men, gives them the light of recognition, and lifts them to the next level?