Gezeiten / Tide

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Fotos: Renèe Kellner

Wir sind die jüngsten Blätter am Weltenbaum. Mal schreien und mal singen wir. Mal zieht es uns zusammen, immer dichter, bis zum Welken und mal dehnen wir uns in jede Zelle bis zum Bersten. Mal erscheint alles völlig sinnlos, nichts als Verlust weit und breit, das Leben verschwört sich selbst in Kleinigkeiten gegen uns. Mal glänzen wir in der Sonne wie bei einem Kindergartenausflug im Mai …

Wenn es gerade gar nicht läuft, denken wir, dass etwas falsch ist, die Lebensumstände verkehrt sind oder die Welt uns zeigt, dass wir nicht o.k. sind. Unsere aufgescheuchten Gedanken und Gefühle wickeln uns ein. Wir reagieren willkürlich auf das Unwohlsein. Wenn es gerade voll gut läuft, denken wir, dass wir etwas richtig gemacht haben, wir haben es voll drauf …

Was, wenn das unbewusste Gefangensein in der Dualität uns ans Kreuz nagelt? Was, wenn es in Wahrheit gar nichts Persönliches bedeutet, wenn wir einfach bloß mit den Gezeiten atmen? Was, wenn unsere Leben wie Ziehharmonikas funktionieren, zusammenziehen, ausdehnen. Was, wenn wir uns im ausgeatmet werden verlieren und im eingeatmet werden finden? Was, wenn daran nichts verkehrt ist?

Jedes Mal sich tanzend zu verlieren, erobern wir uns selbst zurück, ein Stück weit reifer, kühner. Jedes Mal sich zu finden, schwächt die Matrix, bricht den Bann der psychologischen Persönlichkeit. Jedes Mal, im bewussten Erlauben des ein- und ausgeatmet Werdens, gleiten wir tiefer in die familiären Bezüge des Soseins der Welt …

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We are the youngest leaves on the world tree. Sometimes we scream and sometimes we sing. Sometimes we contract, more and more dense, until we fade and sometimes we stretch into each cell until we nearly burst. Sometimes everything seems completely pointless, nothing but loss far and wide, life conspires against us even in trifles. Sometimes we shine in the sun like a kindergarten trip in May …

If things are not going well right now, we think something is wrong, the circumstances are wrong or the world shows us that we are not o.k. Our shooed thoughts and feelings wrap us up. We react arbitrarily to the malaise.
When things are going well, we think we did something right, we are the greatest …

What if unconscious imprisonment in duality nails us on the cross? What if it means nothing personal, just breathing with the tides? What if our lives work like accordions of the great musician, contracting expanding? What if we loose ourselves in the exhale and find ourselves in the inhale? What if there is nothing wrong with that?

Each time we lose ourselves dancing, we conquer ourselves and grow a bit more mature, bolder. Each time we find oneself weakens the matrix, breaks the spell of the psychological personality. Each time, we consciously allow breathing in and out, we slide deeper into the familiarity and the suchness of the world …

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Jungs und Mädels, wer gibt euch euren Wert? / Boys and girls, who gives you your value?

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Fotos: Reinhard Werner

Wie ein sehr altes Ehepaar stapfen Männer und Frauen gegen den Wind der Zeit. Sie sind durch so viel miteinander gegangen, haben einander schreckliche Dinge angetan, vor dem Hintergrund der Liebe. Immer noch wird – wie beiläufig – geschlitzt und verachtet, aus blinder Gewohnheit oder akutem Zorn …

Der älteste Krieg währt schon so lange in unserem Schatten, wir wissen nicht mehr, wer ihn begonnen hat. Der wahre Gegner ist der Schatten – die Abwesenheit der bewussten Menschlichkeit – in ihm gedeihen Härte und Ungenügen im Verborgenen. Aus dem Schatten kommen Angriff und Strafe zu schnell, als wir es bemerken könnten. Das schlimmste Gewächs allerdings, das dorthin seine Wurzeln schlägt, ist das Unvermögen, die eigene Schönheit zu erkennen …

Der Schatten lebt im unbewussten Denken, hüllt das Licht der Menschlichkeit in finstere Decken. Und doch, glauben wir des Schattens Lügen nicht, bricht – schneller als ein Wimpernschlag – das Licht hervor. In der Anwesenheit der bewussten Menschlichkeit bildet sich Schönheit heran, die eigene und die im Gegenüber. Hier blüht der Wert so unerschütterlich, dass Schatten sich zu Füßen legen …

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Like a very old couple, men and women trudge against the wind of time. They’ve been through so much together, doing terrible things to each other, against the background of love. Still – as casually – there is slitting and despising, out of blind habit or acute anger …

The oldest war has been in our shadow for so long, we no longer know who started it. The real opponent is the shadow – the absence of conscious humanity – in it hardness and inadequacy thrive in secret. Out of the shadow, attack and punishment come too fast, as we might notice. However, the worst plant that takes root there is the inability to recognize one’s own beauty …

The shadow lives in unconscious thinking, shrouding the light of humanity in dark blankets. And yet, if we do not believe the shadow´s lies, light breaks out – faster than the blink of an eye. In the presence of conscious humanity, beauty forms itself, one’s own and the one of the counterpart. Here, the value blooms so steadfastly that shadows lie down at its feet …