VOLLKOMMENE UNVOLLKOMMENHEIT / PERFECT IMPERFECTION

Es ist schon erstaunlich, dass man trotz fortgeschrittenen Alters immer noch so unbeholfen mit vielen Dingen ist. Man hat so seine kompletten Baustellen, manches, dass man so halbwegs im Griff hat und relativ wenig hat man wirklich gut drauf …

Im Kollektiven macht uns das zu einer Gesellschaft, die herzlich ungeschickt mit Herausforderungen umgeht. Umweltthematik, Politik, Umgang mit dem anderen Geschlecht, mit anderen Kulturen, mit Andersdenkenden etc. Ganz zu schweigen von der Entwicklung der Menschlichkeit …

Die offensichtliche Unvollkommenheit in individuellen und kollektiven Bereichen kann man streng und ernst nehmen, die eigene Unzulänglichkeit ausblenden und einander Schuld oder Versagen vorwerfen …

Man kann das Ganze allerdings auch mit einer gewissen Portion Humor sehen, denn Dinge Ala Laurel und Hardy in den Sand zu setzen war ja schon immer eine Lachnummer. Gepaart mit etwas Freundlichkeit käme man der Entwicklung der Menschlichkeit einen entscheidenden Schritt näher …

It’s amazing that despite one’s advanced age one is still so clumsy with many things. You have your disaster sites, some things that you have halfway under control and relatively little you are really good at …

Collectively, this makes us a society that deals with challenges in a heartily clumsy manner. Environmental issues, politics, dealing with the opposite sex, with other cultures, with those who think differently, etc. Not to mention the development of humanity …

The obvious imperfection in individual and collective areas can be taken strictly and seriously, one can ignore one’s own inadequacy and blame another for failure …

But you can also look at the whole thing with a certain amount of humor, because to mess things up like Laurel and Hardy has always been a good laugh. Coupled with a little friendliness one would come a decisive step closer to the development of humanity …

TALKING TO THE MOON

Mit dem Mond zu sprechen bedingt den ganzen Menschen, nicht bloß die kleinen gedanklichen Wellen an der Oberfläche. Es braucht die Stimme aus der Tiefe des Herzens. Die Antwort des Mondes hört man nicht mit den Ohren, der ganze Körper lauscht seiner ungeheuerlichen Existenz …

Was man dem Mond erzählt, geschieht bereits. Mit 1000 feinen Silberklingen löst er den Kokon, befreit aus der Maske der Welt. In seinem Licht spiegelt sich der eigene nackte Glanz …

Kein Wunder, dass man früher tanzte mit Federn in den Haaren. Kein Wunder, dass  Frauen bluten, Wölfe heulen und das Meer sich hebt …

Talking to the moon requires the whole human being, not just the small mental waves on the surface. It needs the voice from the depth of the heart. The answer of the moon is not heard with the ears, the whole body listens to its outrageous existence …

What you tell the moon is already happening. With 1000 fine silver blades it releases the cocoon, frees from the mask of the world. In its light the own naked brilliance is reflected …

No wonder that people used to dance with feathers in their hair. No wonder that women bleed, wolves howl and the sea rises …

DAS FENSTER / THE WINDOW

Die Verstrickungen der Welt machen müde. Die Stimme der unversöhnten Wunde treibt an: Bleib nicht stehen. Bleib geschäftig. Sei nur ja nicht still weiter, weiter. Als würdest du weglaufen, als würde dein Leben davon abhängen …

Die nagende Rastlosigkeit ist eine gute Erinnerung. Ein Zeichen, die Dinge der Welt liegen zu lassen, sich nicht mehr um das Zeitgebundene zu kümmern. Das Zeitlose ruft dich. Du öffnest das Fenster und lässt dich von Peter Pan entführen …

Am Herz entfaltet sich das stille Meer. Eintauchend – als ob man ur-alten Stimmen folgte, als würde man im Vorsprachlichen walten, als hätte man die süße Braut am Grund der Kunst geküsst – sinkt man unter die Haut der Landschaft und in den Körper – fraglos – wie ein*e Eingeborene*r …

The entanglements of the world make you tired. The voice of the unreconciled wound drives: Do not stop. Stay busy. Just don’t keep quiet, keep going. As if you were running away, as if your life depended on it …

The nagging restlessness is a good memory. A sign to leave the things of the world alone, to no longer care about the time-bound. The timeless calls you. You open the window and let Peter Pan take you away…

The silent sea unfolds at your heart. Immersing yourself – as if you were following ancient voices, as if you were travelling beyond language, as if you had kissed the sweet bride at the bottom of art – you sink under the skin of the landscape and into your body – unquestionably – like an native …

SLAVE TO THE RYTHM

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‚Find what you love and let it kill you.‘
Charles Bukowski

Beim Malen ist man ständig am Verwerfen. So lernt man. Etwas entsteht im kreativen Prozess und man möchte es erhalten, man hat Angst, weiter zu machen, um das Entstandene nicht zu zerstören. Nur die Sehnsucht treibt einem weiter, ignoriert die scheinbaren Gewinne zugunsten der magischen Momente, in denen sich der Pinsel befreit ...

Es braucht die Bereitschaft, alles falsch zu machen, die Ausdauer beim offenen Schauen zu bleiben und das Mögen im Tun, um im neuen Bild anzukommen. Die Angst vor Fehlern würde uns lähmen, die fehlende Ausdauer ließe uns im nebligen Sumpf zurück und im mangelnden Genuss erstickten die Farben …

Diese Freiheit, wenn man weiß, dass man nichts falsch machen kann! Diese Ruhe, wenn klar ist, dass man ewig geht für das, was wirklich zählt. Diese Freude, wenn einem der Sommerabendwind erfasst, wenn man sich ein Marmeladebrot im Mondlicht streicht …

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‚Find what you love and let it kill you.‘
Charles Bukowski

When you paint, you are constantly discarding. That is how one learns. Something appears in the creative process and one want to preserve it, one is afraid to continue, so as not to destroy what has been created. Only longing drives you on, ignoring the apparent gains in favor of the magic moments when the brush frees itself …

It needs the willingness to do everything wrong, the perseverance to keep looking openly and the liking in doing, in order to arrive at the new painting. The fear of making mistakes would paralyze us, the lack of endurance would leave us in a foggy swamp and the missing of pleasure would suffocate the colors …

This freedom, when you know that you cannot do anything wrong! This calmness, when it is clear that you are going forever for what really counts. This joy, when the summer evening breeze takes hold of you, when you spread a jam sandwich in the moonlight …

DIE KLEIDER DER SEELE / THE CLOTHES OF THE SOUL

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Wenn die Kleider des Denkens fallen, blicken sich nackte Augen um. Die Seele bewegt sich wie ein Spiegelbild, getragen von des Atems Flügel. Wenn man das eigene Leben – von Anbeginn an – schnell vorspult, würde man zwischen den Erinnerungsbildern das Echte, das Eigenste, die Seele erkennen …

Wenn das Denken wieder in die Kleider der Seele schlüpft, übernimmt es die Kontrolle, wie der Lärm des Tages die Geräusche der Nacht übertönt. Es ist ein einsames Leben, wenn man sich selbst nicht mehr erreicht. Was bleibt, ist zu funktionieren, es recht zu machen, es zu etwas bringen, die Aufträge der Konditionierung zu erfüllen und sich als Belohnung abzulenken …

Es ist etwas ganz anderes, wenn Lebendigkeit aufflammt! Der Vorteil von Kreativität? Die Seele, die deine Kleider so oft im Schatten trägt, tritt in das Licht. Dort steht sie frei von allen Bezügen – frei von Raum und Zeit – und lodert in das Geschehen …

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When the clothes of thought fall, naked eyes look around. The soul moves like a mirror image, carried by the wings of breath. If you fast forward your own life – from the very beginning – you would recognize the real, the most unique, the soul between the memory images …

When thinking slips back into the clothes of the soul, it takes control, as the noise of the day drowns out the sounds of the night. It is a lonely life when one can no longer reach oneself. What remains is to function, to make it right, to make it work, to fulfill the orders of conditioning and to distract oneself as a reward …

It is something completely different when liveliness flares up! The advantage of creativity? The soul that so often wears your clothes in the shadows steps into the light. There it stands free from all references – free from space and time – and blazes into the event …

 

DER SPIEGEL / THE MIRROR

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Wie ein Traum, an dem man sich kaum erinnern kann, wie eine Ahnung, die sich unmöglich in Worte fassen lässt. Als würde man in die Tiefen des Vergessens tasten und den Quellcode entziffern. Als könnte man etwas Wesentliches in den Gesichtern lesen, die in den Anfängen der Kunst gebildet wurden …

Als würde sich endlich das Geheimnis enthüllen, das zwei Körper miteinander teilen.
Als wäre etwas verborgen in der Kühle der Haut, die am Nachtlager blüht. Als würden gleich – aus der anschwellenden Stille – die entscheidenden Worte hervorbrechen …

Als wären Spiegel Portale. Als zeigten sich all die Ahnen und Wesen des Ungesehenen im Wind, der durch Blätter streift. Als würde einem das Versprechen einfallen, dass man einst in die Bahn der Sonne schrieb. Als würden die Teile endlich ineinandergreifen …

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Like a dream that is hard to remember, like a premonition that is impossible to put into words. It is like groping into the depths of oblivion and deciphering the source code. As if one could read something essential in the faces formed in the early days of art…

As if the secret shared by two bodies was finally revealed.
As if something was hidden in the coolness of the skin that blooms at night’s lodging. As if the decisive words were about to burst forth from the swelling silence…

As if mirrors are portals. As if all the ancestors and beings of the unseen were revealed in the wind that roams through leaves. As if the promise that one once wrote into the path of the sun would be remembered. As if the separated pieces finally engage …

 

WOLLEN UND SEIN

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‚Möge das, was ich tue, wie ein Fluss aus mir herausfließen, ohne Zwang und ohne Zurückhaltung, so wie es bei Kindern ist.‘
Rainer Maria Rilke

Ego ist Wollen. Es will immer etwas, dass nicht hier ist, will aus jedem Moment einen anderen Moment machen. ‚Sein‘ ist eine ganz andere Kiste: Es will nichts, muss nirgendwo hin, braucht keinen Grund und keine Bestätigung, es IST und was könnte besser sein?

Der Mensch hat die Wahl, er*sie kann mit dem Wollen gehen und alles Mögliche vollbringen und er*sie kann sich auflösen im Sein, gar nichts und alles sein: das Zirpen der Grillen, der Raum um den vollen Sommermond …

Manchmal ist das Wollen anziehender und manchmal möchte alles in das Sein fließen. Wir sind so ein altes Wesen, das sich – seit Anbeginn der Zeit die Körper wechselnd – immer neu erlebt …

‚May what I do flow from me like a river, no forcing and no holding back, the way it is with children.‘

Rilke – Book of Hours

Ego is wanting. It always wants something that is not here, wants to make every moment a different moment. Being‘ is a completely different box: It doesn’t want anything, doesn’t have to go anywhere, needs no reason and no confirmation, it IS and what could be better?

Man has the choice, one can go with the will and accomplish all kinds of things and one can dissolve in being, be nothing and everything: the chirping of crickets, the space around the full summer moon …

Sometimes wanting is more attractive and sometimes everything wants to flow into being. We are such an old being, which – since the beginning of time, changing bodies – always experiences itself anew …

 

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„Gerade im Schwierigen müssen wir unsere Freuden, unser Glück, unsere Träume haben: Dort in der Tiefe dieses Hintergrunds fallen sie auf, dort sehen wir zum ersten Mal, wie schön sie sind.“
Rainer Maria Rilke

Menschsein durchläuft Höhen und Tiefen. Wir klammern uns gern an das High, doch ab und an wird das Wasser in den Zellen schwarz, alles zieht sich zusammen und trübe Gedanken spielen auf …

Hier gilt es ins Atelier zu gehen oder auf die Tanzfläche. Nicht um den Blues loszuwerden oder irgendetwas anders zu machen, sondern einfach nur um aufzustampfen, sich nicht geschlagen zu geben und die Einladung zum Tanz anzunehmen …

Mit Farben die Räume des Schmerzes auszumalen. Nicht um ihn zu besiegen, sondern einfach so, ohne Grund. Mit der Kraft der Verzweiflung gestalten, gemeinsam mit der Hilflosigkeit in den Abendhimmel schauen, der Angst einen Schluck Wasser geben …

Langsam aber sicher setzt die Alchemie ein: die Ausgestoßenen, die Würdelosen und all die ungeliebten Gesellen versammeln sich um die Feuer der Menschlichkeit und feiern einander mit klarem Blick …

“Right in the difficult we must have our joys, our happiness, our dreams: there against the depth of this background, they stand out, there for the first time we see how beautiful they are.”
― Rainer Maria Rilke

Being human goes through ups and downs. We like to cling to the high, but every now and then the water in the cells turns black, everything contracts and cloudy thoughts play on …

Here it’s time to go to the studio or onto the dance floor. Not to get rid of the blues or to change anything, but simply to stamp one’s foot, to not abandon the field and accept the invitation to dance …

To paint with colours the spaces of pain. Not to defeat it, but just to do it, for no reason. To create with the power of desperation, to look into the evening sky together with helplessness, to give a sip of water to fear …

Slowly but surely alchemy sets in: the outcasts, the unworthy and all the unloved companions gather around the fires of humanity and celebrate each other with a clear view …

 

DAS ALTE HERZ / THE OLD HEART

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Das alte Herz hält den Takt noch wacker aufrecht, trotz der Narben und dem Zahn der Zeit. All die Begegnungen, Bilder und Spuren, sind wie in einem Museum an die pumpenden Wände projiziert und tätowiert …

Das alte Herz hat gelernt, auch Sachen gehen zu lassen, um ganz frisch im Moment zu sein. Zweifel, Aberglaube und all die nicht mehr benötigten Dinge – die es wie Kriegsschiffe bis zur Mutlosigkeit belagerten – ziehen ab, wie von Geisterhand befohlen …

Das alte Herz macht noch mal einen Sprung von den Müh(l)en des Alltags hin zu einem neuen Erleben, als wäre es von einem alten Bann erlöst, als würde es zum ersten Mal sehen, als wäre es in der Unmöglichkeit angekommen …

The old heart still keeps the beat bravely, despite the scars and the ravages of time. All the encounters, images and traces are projected and tattooed on the pumping walls like in a museum …

The old heart has learned to let things go to be fresh in the moment. Doubts, superstition and all the things that are no longer needed – which besieged it like warships to the point of despondency – are leaving, as if by magic …

The old heart takes another leap from the hardships of everyday life to a new experience, as if it had been released from an old spell, as if it were seeing for the first time, as if it had arrived in the impossible …

CORONA Diaries 48 / Auf die Tube drücken! / Step on it!

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‚I know you are tired, but this is the way.‘ Rumi

Kunst bietet die wunderbare Möglichkeit sich auszudrücken, sich zu zeigen und damit seinen*ihren Stern zum Leuchten zu bringen. Egal, in welchen Zustand man ist, egal, in welchem Alter, egal, in welcher Bildungschicht man sich befindet, die Möglichkeit bis an den Rand seiner*ihres Erlebens zu gehen, besteht …

Im Ausdruck – sei es singen, malen, tanzen, schreiben, etc. – flattert man wie eine Motte in das Licht des Wesentlichen, um zumindest einmal den Kern des Seins zu berühren …

Immer wieder – so bezeugen es die Schätze unserer Kultur – wird jemand am Rand seines Erlebens abgeholt und darüber hinaus getragen. Dieses, ein Stück weit in die Unmöglichkeit zu reichen, genügt um die Evolution der Menschlichkeit voranzutreiben …

Art offers the wonderful opportunity to express oneself, to show oneself and thus to make one’s star shine. No matter in which condition you are, no matter at which age, no matter in which educational level you are, the possibility to go to the edge of your experience exists …

In expression – be it singing, painting, dancing, writing, etc. – one flutters like a moth into the light of the essential in order to touch the core of being at least once …

Again and again – as the treasures of our culture testify – someone is picked up at the edge of their experience and carried beyond. This, reaching some way into the impossibility, is enough to advance the evolution of humanity …