TRAUMA UND DAS ERBLÜHEN DER STILLE / TRAUMA AND THE FLOWERING OF SILENCE

‚Es gibt kein Erwachen ohne Schmerz.‘
C.G. Jung

Die Wunde treibt uns aus der Form in das Formlose. Ihr heftiger Ruf erinnert daran, unsere wirkliche Heimat zu finden. Erlauben wir die Wunde, streifen die Gewänder und Schutzpanzer der Welt ab, betreten wir den Raum der Stille …

Doch verwechseln wir die Abwesenheit der Welt und unserer persönlichen Anliegen nicht mit nichts, denn die Stille ist bei genauerer Betrachtung voll Leben. Erst wenn die Knospe sich öffnet, verströmt der Duft …

Die Stille ist nicht nichts, sie ist dein Herz, dein Innerstes, das, was du wirklich bist. Um den Raum der Stille – deinen Raum – zu betreten, braucht es keine Voraussetzungen, es muss nichts anders sein, du kannst jederzeit hinein, wo und wie auch immer du gerade bist …

‚There is no coming to consciousness without pain.‘
C.G. Jung

The wound drives us out of form into the formless. Its fierce call reminds us to find our real home. If we allow the wound, strip off the robes and protective armor of the world, we enter the space of silence …

But let us not confuse the absence of the world and our personal concerns with nothing, for silence, on closer inspection, is full of life. It is only when the bud opens that the fragrance emanates …

Silence is not nothing, it is your heart, your innermost being, what you really are. To enter the space of silence – your space – you don’t need any preconditions, nothing needs to be different, you can enter at any time, wherever and however you are …

TRAUMA AND THE DANCE

Es gibt Aspekte von einem selbst, die man nicht mag. Kaum jemand möchte weinerlich rumheulen wie ein trotziges Kleinkind oder voll Neid und Eifersucht sein. Und niemand möchte zutiefst verletzt sein, dennoch ist all das Teil des Tanzes …

Schiebt man das Herbe des Lebens weg, verhärtet man sich, die inneren Bewegungen hören auf, mit dem Ganzen zu schwingen. Wenn jedoch auch die ungeliebten Facetten von einem selbst Aufmerksamkeit bekommen, werden sie Teil des Ganzen …

Das größte Geschenk, dass man sich selbst machen kann, ist nicht sein*ihr Leben auf die Reihe kriegen oder es endlich richtig zu machen. Das größte Geschenk sind die kleinen Momente, in denen die eigene Anwesenheit dem Sog des Unbewussten widersteht und der Kampf zum Tanz wird …

There are aspects of yourself that you don’t like. Hardly anyone wants to whine like a defiant toddler or be full of envy and jealousy. And no one wants to be deeply hurt, yet all that is part of the dance …

If one pushes away the harsh of life, one hardens, the inner movements cease to vibrate with the whole. However, if the unloved facets of oneself also get attention, they become part of the whole …

The greatest gift you can give yourself is not to get your life together or to finally get it right. The greatest gift are the small moments when your presence resists the pull of the unconscious and the struggle becomes a dance …

STANDartS

Um als Individuum halbwegs aufrecht in unserer westlichen Gesellschaft leben zu können, ist es nötig, deren verborgene Gesetzmässigkeiten zu verstehen. Es haben sich über die Zeit gewisse Standards in fast allen Bereichen entwickelt, die nicht mehr hinterfragt werden dürfen …

Dazu gehören:
• Alte, weisse Männer haben die Macht
• Hetero Beziehungen
• Westliche Medizin und Pharmaindustrie
• Tiere als Ware
• Wissenschaftliche Dogmas
• Staatliches Schulsystem
• Lohnarbeitssystem
• Kapitalismus
• Religiöser Fundamentalismus
• Justiz und Polizeiauthorität
• Gesellschaftlicher Status`
• Kunstmarkt und Kurator*innen

Als Individuum ist die wohl größte Herausforderung dieses ‚Coming-out‘ mit dem, was wir wirklich sind, jenseits aller Masken. Und als wäre es nicht schon heftig genug, die inneren Auseinandersetzungen mit der eigenen Konditionierung zu meistern, müssen wir auch noch gegen die Mauern dieser kollektiven Standards laufen …

Es ist Zeit, für eine inklusive menschliche Gesellschaft einzutreten, die Welt füreinander so sicher zu machen, damit wir darin sein können, wer wir wirklich sind. Und wenn das bedeutet, die eingefleischte Hörigkeit diesen überheblichen Standards gegenüber infrage zu stellen, dann ist das eben so …

In order to live as an individual halfway upright in our western society, it is necessary to understand its hidden laws. Over time, certain standards have developed in almost all areas, which may no longer be questioned …

These include:

  • Old, white men have the power
  • Hetero relationships
  • Western medicine and pharmaceutical industry
  • Animals as commodities
  • Scientific dogmas
  • State school system
  • Wage labor system
  • Capitalism
  • Religious fundamentalism
  • Judiciary and police authority
  • Social Status
  • Art market and curators

As an individual, probably the greatest challenge is this ‚coming out‘ with who we really are, beyond all masks. And as if it wasn’t hard enough to cope with the inner struggles with our own conditioning, we also have to run against the walls of these collective standards …

It’s time to stand up for an inclusive human society, to make the world safe enough for each other so that we can be who we really are in it. And if that means challenging the ingrained bondage to these arrogant standards, so be it …

TRAUMA UND RELIGION / TRAUMA AND RELIGION

Wenn wir über Trauma sprechen, ist es fast unmöglich, nicht auch über Religionsgründer zu sprechen, deren zentrale Aufgabe es war, Menschen aus dem Leid zu führen.
Über den buddhistischen Weg habe ich schon in dem Blog ‚Trauma und Mitgefühl‘ geschrieben, doch auch die christliche Botschaft hat hier einiges zu bieten …

Der ‚Schmerzensmann‘ spiegelt uns so allgegenwärtig in Klassenzimmer und Wegkreuzungen das eigene Leid mit dem Hinweis auf Erlösung, dass wir das einfach übersehen, weil wir so daran gewohnt sind wie an unser Trauma selbst, das auch von den meisten nicht mehr wahrgenommen wird …

Und wir können die christliche Botschaft wohl auch nicht gut nehmen, weil diese im Lauf der Zeit bis ins Abscheulichste verfälscht wurde, was wohl bei den meisten Religionen der Fall ist. Wenn in einem Menschen das Bewusstsein für die eigene Wunde wächst und Selbstfürsorge beginnt, ist es, wie wenn man in einer dunklen Kirche das Licht aufdreht: Die düsteren Kreaturen, welche aus der Wunde entstanden sind, flüchten sich in die Schatten …

Und wenn wir neu hinsehen, hat Christus – meinem Verständnis nach – den neuen Menschen ausgerufen, der die Dornenkrone gegen eine wirkliche tauscht und der in Verbundenheit lebt. Er fragt: Wer bist du, wenn dein Leben nicht länger von Trauma diktiert wird?

When we talk about trauma, it is almost impossible not to talk about founders of religions whose central task was to lead people out of suffering.
I have already written about the Buddhist path in the blog ‚Trauma and Compassion‘, but the Christian message also has a lot to offer here …

The ‚Man of Sorrows‘ reflects to us so ubiquitously in classrooms and crossroads our own suffering with the hint of redemption that we simply overlook it, because we are so used to it as to our trauma itself, which is also no longer perceived by most …

And we probably can’t take the Christian message well either, because it has been distorted in the course of time to the most abominable, which is probably the case with most religions. When the awareness of one’s own wound grows in a person and self-care begins, it is like turning on the light in a dark church: the dark creatures which have arisen from the wound take refuge in the shadows …

And if we look anew, Christ – according to my understanding – has proclaimed the new man, who exchanges the crown of thorns for a real one and who lives in connectedness. He asks: Who are you when your life is no longer dictated by trauma?

TRAUMA UND KUNST / TRAUMA AND ART

Eine wirklich feine Sache an der Beschäftigung mit der eigenen Wunde ist diese unglaubliche Tatsache, dass man nicht mehr willkürlich dem Diktat der Wunde ausgeliefert ist. Was man vorher wie selbstverständlich akzeptiert hat, sogar als persönlichen Makel angesehen hat, verliert seine Macht …

Ohne Präsenz hat man keine Chance, die feinen Mechaniken von Trauma zu entlarven. Gelingt es jedoch bewusst zu bleiben, vor allem, wenn die Zeichen in Richtung Bußgang zur Wunde weisen, sieht man es. Und wenn man es sieht, ist man frei. Die eigene Ganzheit, der eigene Wert ist nicht mehr vom Trauma abhängig …

Der Körper hat diese Traumabewegungen früh gelernt und vollzieht sie immer wieder – ganz automatisch – wie auf Knopfdruck. Und hier kommt die Kunst in das Spiel …

Der kreative Ausdruck unterbricht den üblichen Traumaablauf und eröffnet dem Körper neue Erfahrungen. Den Schmerz kann man nicht ignorieren, er bietet genügend Treibstoff, genügend Energie, die in ein Musikstück in ein Bild oder einen Tanz fließen kann. Die Musen verwandeln den Schmerz in Kunst …

Kunst ist eine Möglichkeit die Gefühle in Klänge, Farben oder Bewegungen auszudrücken und das öffnet ein Fenster zur Heilung. Du bist nicht länger Opfer der Wunde, sondern gewinnst dich selbst zurück im Tun.
Wenn du singst, malst oder tanzt, dann nicht nur für dich. Du singst für alle, denen der Schmerz ihre Stimme nimmt. Du malst den Teufel an die Wand und du tanzt für die vom Trauma Erstarrten …

A really fine thing about dealing with one’s own wound is this incredible fact that one is no longer arbitrarily at the mercy of the dictates of the wound. What one previously accepted as a matter of course, even considered a personal flaw, loses its power …

Without presence, one has no chance to unmask the subtle mechanics of trauma. However, if one succeeds in remaining conscious, especially when the signs point in the direction of repentance toward the wound, one sees it. And when one sees it, one is free. One’s wholeness, one’s value is no longer dependent on the trauma …

The body has learned these trauma movements early on and performs them again and again – quite automatically – as if at the push of a button. And this is where art comes into play …

Creative expression interrupts the usual trauma process and opens up new experiences for the body. The pain cannot be ignored, it offers enough fuel, enough energy that can flow into a piece of music into a painting or a dance. The muses transform the pain into art …

Art is a way to express the feelings in sounds, colors or movements and that opens a window to healing. You are no longer a victim of the wound, but win yourself back in the doing.
When you sing, paint or dance, it is not only for you. You sing for all those who are deprived of their voice by pain. You paint the devil on the wall and you dance for those who are frozen by trauma …

ECCE HOMO

‚Da, schau der Mensch!‘
Pontius Pilatus

Die Skulptur ECCE HOMO ist nun an ihrem Bestimmungsort gelandet. Sie wurde im Rahmen der Montreux Biennale 2021 an der Genfer See Promenade installiert …

Die Skulptur zeigt einen Menschen in seiner Verletzlichkeit und Würde, der relativ ungeschützt den Kräften der Welt ausgesetzt ist. Ist es möglich, die eigene Verletzlichkeit wertzuschätzen, oder muss sie um jeden Preis verteidigt werden?

An die eigene Verletzlichkeit erinnert zu werden, kann auf den ersten Blick eine Herausforderung sein. Bei näherer Betrachtung stellt sich jedoch heraus, dass der Mut, sich in seiner Zerbrechlichkeit zu zeigen, wahre Schönheit und Größe offenbart …

Es wird auch deutlich, wie viel Leid verursacht wird, wenn man sich zu sehr gegen die Offenheit des Lebens wappnet und wie befreiend es sein kann, sich anzuvertrauen.
Sich der Verletzlichkeit bewusst zu sein und sie zuzulassen, bedeutet, selbst im Angesicht der Bedrohung wahrhaftig bei sich zu stehen …

Es scheint so widersprüchlich, und doch wenn die Schutzschilde fallen, wenn wir das Schwert niederlegen, ist es nicht gefährlich, es ist der einzige wirklich sichere Ort, den wir finden können …


‚There, look at the man!‘
Pontius Pilate

The sculpture ECCE HOMO has now landed at its destination. It has been installed on the Lake Geneva Promenade as part of the Montreux Biennale 2021 …

The sculpture shows a human being in his vulnerability and dignity, relatively unprotected, exposed to the forces of the world. Is it possible to value one’s vulnerability, or must it be defended at all costs?

Being reminded of one’s vulnerability can be challenging at first glance. Upon closer examination, however, it turns out that the courage to show oneself in one’s fragility reveals true beauty and greatness …

It also becomes clear how much suffering is caused when we arm ourselves too much against the openness of life and how liberating it can be to confide.
To be aware of vulnerability and to allow it is to truly stand with oneself even in the face of threat …

It seems so contradictory, and yet when the shields come down, when we lay down the sword, it is not dangerous, it is the only truly safe place we can find …

DIE GISCHT DES AUGENBLICKS / THE SPRAY OF THE MOMENT

Leben passiert wie ein frischer Strom, die Gischt des Augenblicks versprüht sich im Spiel des Lichts. Und da ist jemand, der das sieht, ein Fuchs, ein Käfer, du, ich. Dieser Jemand ist bereit einzutauchen in die Gischt des Augenblicks …

Doch dieser Jemand ist verwundet und diese Wunde lebt verborgen in einem Feld aus Angst. Die Wunde dirigiert die Person aus dem Verborgenen, spricht ihren lähmenden Bann und verbreitet Bedrohung, nicht immer, aber immer wieder …

Peter A. Levine meint in seinem Buch ‚Sprache ohne Worte‘, dass der Mythos der Medusa ein treffendes Bild für Trauma sei. Bei ihrem Anblick versteinert der Held jedoch nur, wenn er sie direkt ansieht. Begegnet er ihr indirekt durch seinen spiegelnden Schild, überwindet er sie …

Aus dem Blut der Medusa erstanden Pegasus – als Symbol für Transzendenz – und der einäugige Riese mit dem goldenen Schwert, der für Präsenz steht. Außerdem kann man aus ihrem Blut zwei Tränke gewinnen, einen, der tötet und einen der Tote zum Leben erweckt …

Der Umgang mit der Wunde verlangt Präsenz, es braucht den lebendigen, fühlenden und wissenden Körper, um den Auswirkungen der Medusa zu begegnen. Gelingt diese persönliche Held*innenreise breitet Pegasus seine Flügel aus und der Trank, der Tote zum Leben erweckt, beginnt zu wirken …

Jemand ist nun wirklich bereit, in die Gischt des Augenblicks einzutauchen, der Bann der Angst und des daraus resultierenden Sicherheitsdenkens verliert seine Macht. Jemand reist nun sanft und wirklich sicher – wie ein*e Eingeborene*r – auf den Pfaden der Augenblicke …

Life happens like a fresh stream, the spindrift of the moment sprays in the play of light. And there is someone who sees it, a fox, a bug, you, me. This someone is ready to dive into the spray of the moment …

But this someone is wounded and this wound lives hidden in a field of fear. The wound directs the person out of the hidden, speaks its paralyzing spell and spreads threat, not always, but time and again …

Peter A. Levine in his book ‚Language without Words‘ says that the myth of Medusa is an apt image for trauma. At the sight of her, however, the hero is petrified only when he looks at her directly. If he meets her indirectly through his reflecting shield, he overcomes her …

From the blood of Medusa arose Pegasus – as a symbol of transcendence – and the one-eyed giant with the golden sword, which stands for presence. In addition, from her blood can be obtained two potions, one that kills and one that brings the dead back to life …

Dealing with the wound requires presence, it requires the living, feeling and knowing body to counter the effects of Medusa. If this personal heroine’s journey succeeds, Pegasus spreads his wings and the potion that brings the dead to life begins to work …

Someone is now really ready to dive into the spray of the moment, the spell of fear and the resulting safety thinking loses its power. Someone now travels gently and really safely – like a native – on the paths of the moments …