CORONA Diaries 38 / Being Radical

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Es macht so einen Unterschied, ob man etwas bloß weiß, ob man es auch macht oder ob man es wirklich und total lebt, radikal, ohne es durch Zweifel oder mentales Blabla aufzuweichen …

Man kommt hier nicht durch, bevor man nicht voll eintaucht!
Das Leben mag nicht – aus sicherer Entfernung – nur oberflächlich gestreift werden. Blosses Wunschdenken hilft nicht, auch keine Jammerei, Leben mag dich ganz, mit Haut und Haar …

Nur probieren geht nicht. Leben ist nicht für die Halbherzigen. Wenn es dich zum Tanz bittet, zieh dich warm an! Gib dich ganz hin, noble Zurückhaltung ist nicht angebracht. Lass dich vom Leben überfallen, plündern, erlaube ihm*ihr Sachen mit dir anzustellen, die dich noch nach 10 Jahren rot werden lassen …

 

20200629_142314It makes such a difference if you just know something, if you do it too, or if you live it really and totally, radically, without softening it with doubts or mental blah-blah …

You can’t get through this until you are fully immersed! Life may not be touched only superficially from a safe distance. Mere wishful thinking does not help, nor does it help to complain, life likes you whole, with skin and hair …

You can’t just try it. Life is not for the half-hearted. If it asks you to dance, dress warmly! Give yourself completely, noble restraint is not appropriate. Let life attack you, plunder you, allow it to do things to you that will make you blush even after 10 years…

CORONA Diaries 37 / I can’t get no Satisfaction

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Es kommt eine Zeit, in der all die Strategien, sich etwas Lust zu verschaffen, schal werden. Man hat das alte Programm etwas zu oft abgespult, es erfüllt nicht mehr seinen Zweck. Es kommt eine Zeit, in der all das Streben nach Anerkennung und Bestätigung hohl erscheint, in der selbst Ablenkung nicht mehr betäuben kann …

Es kommt eine Zeit, in der man keine Befriedigung findet, in der das Wollen wie eine aufgezogene Spieluhr verklingt.
Es kommt eine Zeit, in welcher der einzige Weg in die Stille führt, in der man wie ein*e – in den Müh(l)en der Welt – Ertrinkende*r im Anfang von allem auftaucht …

Und dort – wo man nicht nachschauen wollte – findet man all das Verlorene geglaubte wieder, in ursprünglicher Pracht. Das ‚Ich bin‘ wird frei. Es entzieht sich allen Manipulationsversuchen und Besitzansprüchen. Das tiefste und feinste in uns – die Tatsache unserer bloßen Anwesenheit – ist frei …

There comes a time when all the strategies for getting some pleasure become stale. The old program has been reeled off a little too often, it no longer serves its purpose. There comes a time in which all the striving for recognition and confirmation seems hollow, in which even distraction can no longer numb …

There comes a time in which one finds no satisfaction, in which wanting fades away like a wound up musical clock. There comes a time in which the only way leads into silence, in which one appears in the beginning of everything like a drowning person in the toils of the world …

And there – where one did not want to look – one finds all that appeared lost, in its original splendor. The ‚I am‘ becomes free. It evades all attempts at manipulation and claims to possession. The deepest and finest in us – the fact of our mere presence – is free …

CORONA Diaries 36 / The HeArt

Esther 4

‚Die einzige Sprache, um die ganze Wahrheit auszudrücken, ist Stille.‘
Ramana Maharshi

Ähnlich wie das Gehirn ist auch das Herz ein sehr seltsamer Ort. Das Gehirn existiert physisch als Organ und doch wandert man darin in virtuellen Gedankengängen, die nicht wirklich real sind, die eher aus Wünschen und Vorstellungen bestehen, mit dem eigenen Leben als Zentrum, worum sich alles dreht …

Das Herz ist ebenso ein physischer Ort, spürbar, doch wenn man diesen Raum betritt, werden die Dinge realer. Es ist, als würde man sich selbst begegnen, als das tiefe verbundene Wesen, dass man wirklich ist. Die eigene Anwesenheit taucht aus dem mentalen Dickicht auf, wie ein*e Eingeborene*r, wie ein*e lang vermisste Freund*in …

Verweilt man im Raum des Herzens, ohne Grund, einfach weil es Freude macht und ignoriert die ängstliche Rufe des Verstandes – man würde etwas Wichtiges versäumen, man müsste sich ganz dringend um etwas kümmern – breitet sich Stille aus. Das Herz ist ein absolut revolutionärer Ort, an ihm zerschellen Trugbilder wie Ängste und man legt das eigene Sein zurück in die Hände des Lebens …

Esther 4 Detail 2

„The only language to express the whole truth is silence.“

Ramana Maharshi

Like the brain, the heart is a very strange place. The brain exists physically as an organ and yet you wander around in it in virtual thought processes that are not real, that consist more of wishes and ideas, with your own life as the centre, which is what it’s all about …

The heart is also a physical place, tangible, but when you enter this space, things become more real. It is as if you are meeting yourself, as the deeply connected being that you really are. Your own presence emerges from the mental thicket, like a native, like a long lost friend…

If one stays in the space of the heart, without reason, simply because it is joyful and ignores the anxious calls of the mind – one would miss something important, one would have to take care of something urgently – silence spreads. The heart is an absolutely revolutionary place, where illusions and fears are shattered and one puts one’s own being back into the hands of life …

CORONA Diaries 34 Wirklich hinschauen / Paying Attention

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‚Drink to life as if there is no end.‘
Melody Gardot

Leben spürt sich manchmal nach gar nichts an. Wir verrichten das Tagewerk, gerade mal so, etwas resigniert vielleicht, weil wir ja wissen, Leben kann auch ganz anders. Das Bier schmeckt auch gerade Mal so und selbst den Lieblingstätigkeiten scheint etwas zu fehlen …

Was fehlt, ist wirklich hinzuschauen. Dieses Anhaften am Wegschauenwollen ist, als ob uns 1000 Gummibänder in die Abwesenheit zerren und 1000 Nägel uns da fixieren wollen. Welch abenteuerliche Bewegung es bedeutet, sich von diesem unbewussten Sog abzuwenden und sich dem zuzuwenden, das ist. Wir hätten das, was ist, so gerne anders, dass wir bereit sind, uns lieber blind zu machen, als es wirklich anzusehen …

Gelingt es uns, zumindestens halbwegs mit dem Leben übereinzustimmen, zieht es bald im Triumph ein. Das Bier schmeckt plötzlich aber so was von gut, die Musik rockt wieder, unsere Lieblingstätigkeiten beginnen zu glühen und das Blut feiert …

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Life sometimes feels like nothing at all. We do our daily work, just like that, maybe a bit resigned, because we know that life can be quite different. The beer just tastes the same and even our favourite activities seem to be missing something …

What is missing is paying attention. This attachment to looking away is as if 1000 rubber bands drag us into absence and 1000 nails want to fix us there. What an adventurous movement it is to turn away from this unconscious undertow and to turn to that which is. We would like to have that which is so different that we are prepared to make ourselves blind rather than really look at it …

If we manage to agree with life at least halfway, it will soon move in triumph. The beer suddenly tastes so good, the music rocks again, our favourite activities begin to glow and the blood celebrates …

CORONA Diaries 33 Anwesenheit / Presence

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Ohne des Spürens unserer Anwesenheit, spulen wir den Alltag einfach ab, ohne in wirklich zu bemerken. Wir werden unausstehlich, weil etwas Essenzielles fehlt. Unbewusst veranstalten wir ein unangenehmes, abstoßendes menschliches Theater …

Wenn sich das Erkennen der eigenen Anwesenheit in das Geschehen mischt, wird es gleich besser. Sogar schon wenn einem bewusst ist, dass diese Dimension fehlt, stellt sich ein Gefühl des Ankommens ein. Der Zauber des ‚Ich bin‘ reagiert bereits auf den ersten Anflug von Bereitschaft oder Zuwendung und das ganze Spiel beginnt sich zu verändern …

Das Spüren des ‚Ich bin‘, ist eine Wahrnehmung, die noch vor dem Denken passiert. Es ist die allererste Wahrnehmung und zugleich der Hauptwohnsitz der Freude. Erst im Bewusstsein des ‚Ich bin‘ siehst du, wie dir eine Pflanze zuwinkt und wie fragil, aber doch machtvoll Menschlichkeit die Bühne betritt …

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Without feeling our presence, we simply unwind the daily routine without really noticing it. We become unbearable because something essential is missing. Unconsciously, we create an unpleasant, repulsive human theater…

When the recognition of one’s own presence is mixed into the events, things get better right away. Even if you are aware that this dimension is missing, a feeling of arrival sets in. The magic of the ‚I am‘ already reacts to the first touch of willingness or attention and the whole game starts to change …

The feeling of the ‚I am‘ is a perception that happens before thinking. It is the very first perception and the main residence of joy. Only in the consciousness of the ‚I am‘ do you see a plant waving to you and how fragile but powerful humaness enters the stage …

CORONA Diaries 32 / Real Beauty

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Ich weiß schon, wir bewerten gerne herausragende
Leistungen in Kunst und Wissenschaft, doch wirkliche Schönheit finden wir im ganz Normalen: im Mut aufzustehen und sich für einen neuen Tag zu öffnen. In den Schritten, in denen wir nicht bloß wissen, was gut für uns ist, sondern es auch tun. In der geheimen Jagd nach Lust und Erfüllung …

In der ungeheuren Stille, in der man ganz bei sich ist und doch auch jenseits davon. Wenn wir die innere Augenbinde abnehmen und den Wind sehen, der wie ein Geist in den Gebüschen stöbert.
Die wirkliche Schönheit, die entsteht, wenn man glaubt, etwas nicht zu können und es dennoch tut, mit klopfendem Herzen …

Der Moment, in dem die Stimme bricht, wenn man etwas Wichtiges sagt. Die Schönheit, zu sehen, wie uns der Schmerz aus der Beliebigkeit schält. Wenn wir einen Stift oder Pinsel zur Hand nehmen und ihm die Ehre erweisen …

Die Schönheit, wenn man sich völlig verliert, wie im Tanz. Wenn man sich voll ins Zeug legt, ohne auf ein Ergebnis zu schielen. In dem Augenblick, an dem man sich hinwendet anstatt wegzuschauen, wird klar, dass es nicht um das Gelingen geht, sondern um Schönheit …

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I know, we like to admire outstanding Achievements in art and science, but real beauty can be found in the ordinary: in the courage to get up in the morning and open up for a new day. In the steps where we not only know what is good for us, but also do it. In the secret hunt for lust and fulfilment…

In the immense silence in which we are completely with ourselves and yet also beyond. When we take off the inner blindfold and see the wind that rummages in the bushes like a ghost. The real beauty that arises when you think you can’t do something and still do it, with a beating heart …

The moment your voice breaks when you say something important. The beauty of seeing how pain peels us out of arbitrariness. When we pick up a pencil or a brush and pay our respects to pain and loss …

The beauty of losing yourself completely, like in dance. When you put your heart and soul into it without looking at the result. The moment you turn towards it instead of looking away, it becomes clear that it is not about success, but about beauty …

CORONA Diaries 31 / How to treat the New

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Wir haben deshalb so Schwierigkeiten das neue Welt/Menschenbild zu integrieren, weil wir es nicht adäquat zu behandeln wissen. Gehen wir mit dem Neuen so um, wie wir es mit dem Alten gewohnt sind, verscheuchen wir es …

Das Neue braucht von uns vor allem Offenheit, welche im Denken nicht zu finden ist. Der Verstand kennt nur Vergangenes und kann damit bloß ungewisse Möglichkeiten für die Zukunft ableiten …

So stark und schön das Neue auch sein mag, es braucht den physischen Akt, es auf die Bühne zu bitten.
Wenn wir im Tun sind und dabei offen und verfügbar bleiben, sind wir Werkzeuge des Lebens, welches durch uns das Neue zu Welt bringt. Im Tun vertrauend, bilden sich magische Augenblicke, in denen das Neue hervortritt, wie ein Tier aus dem Wald …

We have such difficulties in integrating the image of the new man or world because we do not know how to treat it adequately. If we deal with the new in the same way as we are used to the old, we scare it away …

The new needs from us above all openness, which cannot be found in thinking. The mind only knows the past and can only deduce uncertain possibilities for the future …

As strong and beautiful as the new may be, it needs the physical act of inviting it onto the stage. When we are in action and remain open and available, we are tools of life, which brings the new into the world through us. Trusting in doing, magic moments are formed in which the new emerges, like an animal out of the forest …

 

CORONA Diaries 30 / Nature Within

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Wenn durch eine globale Krise noch klarer wird, dass unsere Lebensweise des ‚Immer mehr‘, des Funktions- und Nutzdenkens den Lebensraum und uns selbst an die Wand fährt, stellt sich die Frage der Neuorientierung …

Fragt man – wie gewohnt – den rationalen, berechnenden Verstand, sind wir an der falschen Adresse. Denn der hat ja durch seine egomanische Unverbundenheit zu den Problemen geführt. Richtet man den Blick nach Innen, entwickeln sich die Antworten wie Blätter aus einem Zweig …

Wendet man sich der Kunst des Lauschens zu und erhöht dadurch die Sensibilität, werden die tiefen Quellen und ihre Verbindungen fast sichtbar. Immer deutlicher enthüllt sich die innere Natur. Gewissheiten wachsen in zarten Strömungen und Fragloses blüht im inneren Dickicht …

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When a global crisis makes it even clearer that our way of life of ‚more and more‘, of thinking in terms of profit and gain is driving our enviroment and ourselves up against the wall, the question of reorientation arises …

If one asks – as usual – the rational, calculating mind, we are at the wrong address. For it is this mind that has led to the problems through its egomaniacal disconnectedness. If you look inwards, the answers develope like leaves from a branch …

If one evolves the art of listening and thereby increases sensitivity, the deep sources and their connections become almost visible. The inner nature reveals itself ever more clearly. Certainties grow in gentle currents and the unquestionable blossoms in the inner thicket …

CORONA Diaries 29 / Being Available

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Wir waren gerade bei einer Privatführung in Arik Brauers Kunstsammlung, ist übrigens sehr zu empfehlen!
Was mir dabei aufgefallen ist: Künstler*innen haben diese innere Notwendigkeit zu malen, schreiben, tanzen, etc. und dann färben die jeweiligen Lebenserfahrungen dieses Wollen zur Kunst …

Bei Arik Brauer waren es Antisemitismus, Vertreibung und Holocaust, die er durchgelitten und mittels Kunst zu Katharsis führte.
In einer Biografie über Jackson Pollock wurde klar, dass dieser hingegen eher den heftigen Künstlertypus verkörpert hat, Existenzschmerz, Sucht, Selbstzweifel und Genialität …

Ich möchte mich da kunstgeschichtlich gar nicht dazu einreihen, mir ist nur aufgefallen, dass meine Kunst durch andere Lebensumstände geprägt ist. Sie hat sich breit aufgefächert in Zeichnung, Malerei, Bildhauerei, Performance, Schriftstellerei, Kunsttherapie und nicht zuletzt Gestaltung des eigenen Lebens. Was braucht es für ein schönes Leben?

Sein*ihr Leben in Freude und Schönheit zu verbringen, ist ein gesellschaftlich revolutionärer Akt. Es führt uns aus der Sklaverei von Funktion und Nutzdenken in die Freiheit des Seins. Kunst ist brauchbar, sie stiftet Sinn und sichert unser geistiges Überleben, sie gehört direkt ins Leben, mitten unter die Menschen …

Meine Lebensumstände haben mich zu kunsttherapeutischen Hausbesuchen geführt, wie zu künstlerische Auftragsarbeiten, Ausstellungen und Vorträgen und für was auch immer da noch entstehen mag, eins ist gewiss, es hat alles mit Kunst zu tun und ich bin ur-gerne verfügbar …

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We have just been on a private tour of Arik Brauer’s art collection, which is highly recommended! What I noticed: Artists* have this inner necessity to paint, write, dance, etc. and then the respective life experiences colour this desire for art …

With Arik Brauer it was anti-Semitism, expulsion and the Holocaust that he suffered from and led to catharsis through art. In a biography of Jackson Pollock, it became clear that he embodied this intense type of artist: pain of existence, addiction, self-doubt and genius …

I don’t want to join in with this from an art-historical point of view, I’ve just noticed that my art is influenced by other life circumstances. It has diversified widely in drawing, painting, sculpture, performance, writing, art therapy and last but not least in shaping my own life. What does it take for a beautiful life?

To spend one’s life in joy and beauty is a socially revolutionary act. It leads us out of the slavery of function and materialistic thinking and into the freedom of being. Art is useful, it provides meaning and ensures our spiritual survival, it belongs directly into life, among the people …

My life circumstances have led me to art-therapeutic home visits, as well as to artistic commissions, exhibitions and lectures, and for whatever else may arise, one thing is certain, it has everything to do with art and I like so much being available …

CORONA Diaries 28 / Black Lives Matter

Esther 3

Wenn uns die Welt Grausamkeit vor Augen führt, sei es durch Rassismus, Ausbeutung von Lebensraum oder das gegenseitige Misshandeln und Verletzen, sind wir aufgerufen, den Schmerz zu fühlen …

Nicht, um sich selbstgerecht darin zu baden und auch nicht um Schuldige zu verdammen, sondern weil uns der Schmerz in den Raum führt, in dem völlig klar ist, dass diese Verhaltensweisen unakzeptabel sind …

Manchmal, schon als Kind, sieht man über den Tischrand des Alltags hinaus ins Unendliche. Als öffne sich der Raum und von überall her stürzt das Geheimnis herbei. Diese Gegenwart macht Grausamkeit unmöglich, sie entwaffnet uns …

Esther 3 Detail 2

When the world shows us cruelty, be it through racism, exploitation of living space or mutual mistreatment and injury, we are called to feel the pain …

Not to bathe in it in a self-righteous manner, nor to condemn the guilty, but because the pain leads us into a space where it is perfectly clear that such behaviour is unacceptable …

Sometimes, even as a child, you look beyond the edge of the table of everyday life into infinity. It is as if the space opens up and from everywhere the mystery comes crashing down. This presence makes cruelty impossible, it disarms us…