Universität der Stille / University of silence

20180524_130159

Langsam wird es Zeit in den Universitäten weniger leistungsorientierte Fächer zu unterrichten. Davon haben wir schon genug. Wir definieren uns viel zu sehr über Funktion und Nutzen. Wir brauchen Universitäten der Stille, des Seins, der Freude, der kleinen, einfachen Dinge …

Wir wohnen unter einem Himmel voll gewaltiger Stille, die Herzen hebt und alle Fragen löscht. Wir können vergleichen, wer mehr erreicht hat, doch was nützt uns das, im einfach Hier sein, in der Mitte der Bewegung? In der Qualität der Berührung? Im Wiedererkennen?

Im Leistungstaumel, im Streben nach Anerkennung, im Bemühen das Glück in äußeren Umständen zu finden, fällt uns gar nicht auf, wie das Leben schal wird und bitter. Unbewusst vermissen wir etwas Wesentliches …

Erst wenn es still wird, beginnen wir wieder klar zu sehen und bemerken, dass nichts fehlt, dass alles, was man wirklich braucht, bereits hier ist. Auch Freude findet sich wieder mit ein, nicht die oberflächliche Freude, die kommt, wenn einem Mal etwas gelingt, sondern die tiefe Freude, die der Stille innewohnt …


Slowly it’s time to teach less achievement-oriented subjects at universities. We already have enough of that. We define ourselves too much about function and utility. We need universities of silence, of being, of joy, of small, simple things …

We live under a sky full of tremendous silence that raises our hearts and clears all questions.
We could compare who has achieved more, but what good is that to us in just being here, in the middle of movement? In the quality of touch? In recognition?

In pursuit of recognition, in an effort to find happiness in external circumstances, we do not even notice how life becomes stale and bitter. Unconsciously we miss something essential …

Only when it gets quiet, we start to see clearly again and notice that nothing is missing, that everything we really need is already here. Joy, too, comes back to us, not the superficial joy that comes when we succeed, but the deep joy inherent in the silence …

Advertisements

Das Labyrinth / The maze

IMG_8709

Fotos: Renée Kellner

„Das Leben wäre tragisch, wenn es nicht komisch wäre.“

Stephen Hawking

Gestalten taumeln durch das Labyrinth der Formen. Sie halten Smartphones wie Kompasse vor sich, blätternd in Gebrauchsanleitungen für kurzweilige Vergnügungen. Verurteilt von längst vergessenem Glaubensätzen und geheimen Schwüren verpflichtet, wandern sie mit verlorener Krone durch die Gänge mit einem Gesichtsausdruck als würde sie jeden Moment mit ungeheuren Anschuldigungen konfrontiert. Hände, die in den Scherben der Zeit wühlen, von Wesen, die vergessen haben, wonach sie suchen wollten. Feindseligkeit lauert an den Ecken, Verletzungen geschehen beiläufig, ohne sie noch groß zu beachten, Opfer und Täter begegnen sich wahllos, während man sich fest an seine Wünsche klammert, wie an Mutterbrüste. Emotionen zerren wie verirrte Kinder an den Kleidern der Passanten. An den Wänden des Labyrinths flackern heilsversprechende Projektionen, allerorts wird dem Zweck gehuldigt. Obwohl die Akteure schon völlig erschöpft sind, treiben die alten Lautsprecherstimmen sie immer weiter. Eine verlorene Gesellschaft. Wer beendet das?

Die neuen HeldInnen sind die Herausgefallenen. Jene, die einfach nicht mehr mitmachen können, die Burnout und Depressionsgeplagten, die Verlorenen, Gescheiterten, Hilflosen, die Tagträumer und PoetInnen. Für jene, die WIRKLICH genug haben von der alten Geisterbahn, öffnet sich etwas und die EXIT-Zeichen im Labyrinth beginnen zu leuchten …

Immer wieder stört das Rauschen der Stille die Trance des Labyrinths, in der sich die Akteure immer noch fester in das Netz verweben, wie in einem sehr ernsten Film. Die Matrix des Labyrinths besteht aus Vergangenheit. Alles bisher da gewesene deutet jedoch nur auf das noch nicht da gewesene, auf das Füllhorn der Stille, aus der sich das Leben frisch ergießt. Stille dreht die Perspektiven um: Wir müssen nicht gerettet werden, wir sind die RetterInnen. Stille löst das ernste Band und reicht die Hand zum Spiel. Sie führt aus dem Labyrinth heraus auf den Gipfel, von dem erst Ausblick möglich ist …

IMG_8678

„Life would be tragic if it were not funny.“
Stephen Hawking

Figures stagger through the maze of forms. They hold smartphones like compasses in front of them, scrolling through user guides for entertaining amusements. Sentenced by long-forgotten beliefs and secret oaths, they walk through the corridors with a lost crown and a look on their face as if confronted with tremendous accusations at every moment. Hands rummaging in the shards of time from beings who have long forgotten what they wanted to look for. Hostility lurks at the corners, injuries happen casually, without paying much attention to them, victims and perpetrators meet indiscriminately, while clinging firmly to ones wishes, as to mother breasts. Emotions drag like stray children on the clothes of passers-by. Projections of promises of salvation flicker on the walls of the labyrinth, everywhere to purpose is paid homage. Although the actors are already completely exhausted, the old loudspeaker voices drive them on and on. A society lost in space. Who is ending this?

The new heroes are the drop-outs. Those who just can not join anymore, the burnout and depression plagued, the lost, the failed, the helpless, the daydreamers and poets. For those who REALLY have enough of the old ghost train, something opens and the EXIT signs in the maze begin to shine …

Again and again, the sound of silence disturbs the trance of the labyrinth, in which the actors get even more intertwined in the net, as in a very serious movie. The matrix of the labyrinth consists of the past. Everything that has been here before, however, only points to what has not yet been here, to the cornucopia of silence, from which life pours fresh. Silence turns perspectives: we do not have to be saved, we are the saviors. Silence frees the serious bond and shakes hand with the game. It leads out of the labyrinth to the peak, from which clear view is possible …

Eingeborene / Natives

IMG_9045

Fotos: Renée Kellner

Und weiter geht’s mit dem Erforschen der Stille. Culture of Silence heißt ja dieser Blog und es geht darum, zu untersuchen, was für eine Kultur aus der Stille kommt. Das Erforschen dieser Gesetzmäßigkeiten ist so was von interessant, wie wenn man einen neuen Kontinent entdecken würde. Ein Land, das erst unter gewissen Bedingungen sichtbar wird, man probiert etwas und es zeigt sich ein bisschen, dann verbirgt es sich wieder in Undurchdringlichem, manchmal öffnet es sich plötzlich total, so weit, dass es keine Trennung mehr gibt zwischen Erforscher und zu Erforschendes. Es ist so voll frisches, unerschöpfliches Potenzial und kein Horizont weit und breit …

Wir sind die Ureinwohner, die Eingeborenen, dieses Kontinents der Stille, wurden jedoch durch Konditionierung zunehmend entfremdet. Durch Konditionierung haben wir gelernt in einem scheinbar feindlichen Universum zurechtzukommen. Unsere daraus resultierenden psychologischen Verhaltensmuster basieren darauf, Sicherheit durch Kontrolle herzustellen. Die Informationen wurden vererbt, seit Anbeginn der Zeit und bestimmen mit unbewusst, automatisch ablaufenden Programmen, unser Verhalten. An der Wurzel des Ganzen sitzt Angst. Würden wir das Universum, ja das Leben selbst kontrollieren, bräuchten wir keine Angst mehr zu haben. Die Kontrolle wird darüber ausgelebt, etwas richtig oder falsch tun zu können …

Fällt das Konzept von richtig und falsch, fällt auch das Konzept der Kontrolle. Die Klammer des Unbewussten, die vor der Unberechenbarkeit der eigenen Natur schützen soll, öffnet sich. Das Unbewusste ist nicht real, alles darin basiert auf Illusion. Die Tatsache, dass diese Illusion existiert, ist kein Problem, erst wenn man ihr Macht gibt, indem man sich damit identifiziert, schließt sich die Klammer …

Durch das genaue Hinsehen in das eigene Menschsein, ohne zu werten und ohne etwas verändern zu wollen, durch das erlauben dessen, was ist, wachsen wir durch die Konditionierung in die Stille. Das bedeutet, egal, ob wir in den unbewussten Mustern sind oder nicht, mit dem zu surfen, was gerade da ist, egal was, im Innen oder im Außen, wenn wir es erlauben, jenseits von richtig oder falsch, übernimmt schon der Eingeborene in uns die Führung. Und dann beginnt das sanfte Spiel, der Eingeborene MAG Dinge gern auf seine Art tun, sein MÖGEN fließt in jede noch so banale Kleinigkeit, dabei bewegt er sich offen und freundlich und unterläuft damit die Wachen der Kontrolle.

Ist die Klammer der Konditionierung gelöst, führen Leichtigkeit und Freude unsere Schritte. Dennoch spürt sich diese Freiheit seltsam an, als wäre man nur kurz auf Freigang und müsste dann wieder ins Gefängnis der Konditionierung. Es ist so stark in uns verankert, dass dort unser zu Hause ist. Und doch, wie müssen uns langsam dran gewöhnen: unser zu Hause ist Freiheit …

IMG_9055

 

And on it goes with the exploration of silence. Culture of Silence is the name of this blog and it’s about investigating what kind of culture comes from silence. Exploring these laws is as interesting as discovering a new continent. A country that only becomes visible under certain conditions, you try something and it appears a bit, then it hides in the impenetrable again, sometimes it suddenly opens completely, so wide that there is no separation between explorer and the explored. It’s so full of fresh, inexhaustible potential and no horizon far and wide …

We are the original inhabitants, the natives, of this continent of silence, but were increasingly alienated by conditioning. By conditioning, we have learned to cope in a seemingly hostile universe. Our resulting psychological behaviors are based on security through control. The informations had been handed down, since the beginning of time and with unconscious, automatically running programs, determine our behavior. At the root of the whole thing is fear. If we were to control the universe, even life itself, we would not need to be afraid anymore. The control is lived out by the believe we could do something right or wrong …

If the concept of right and wrong falls, the concept of control also falls. The bracket of the unconscious, which is supposed to protect us against the unpredictability of one’s own nature, opens up. The unconscious is not real, everything in it is based on illusion. The fact that this illusion exists is not a problem, only when you give it power by identifying with it does the bracket close …

By looking closely into one’s own humaness, without judging and without wanting to change anything, simply by allowing what is, we grow through conditioning into the silence. This means, whether we are in the unconscious patterns or not, to surf with what is here, no matter what, inside or outside, if we allow it, beyond right or wrong, already the native in ourselves takes the lead. And then the gentle play begins, the native LIKE to do things in their own way, his LIKING flows into every trivial little thing, while moving openly and kindly, he slips under the guards of control.

Once the clamp of conditioning is loosened, ease and joy guide our steps. Nevertheless, this freedom feels strange, as if you were only briefly on temporary release and would then again have to go back to the prison of conditioning. It is so firmly anchored in us that our home is there. And yet, we have to slowly get used to it: our home is freedom …

IMG_9043

Kultivierung der Freude / Cultivation of joy

IMG_6236

Fotos: Renée Kellner

Wer vom Brunnen der Stille genascht hat, wer vom Wein der Freude gekostet hat, will mehr, will das immer, will nach Hause. Man kann die Stille jedoch nicht dazu bringen, ihre Geheimnisse zu lüften. Weder durch Wollen, durch Disziplin, durch Verführung oder durch Bitten und Betteln, noch wenn wir wieder und wieder mit dem Kopf gegen die Wand der Trennung laufen. Die Existenz zeigt sich erst dann, wenn sie sich zeigt, wie ein Geschenk, nicht wenn man etwas richtig oder falsch gemacht hat. Sie entfaltet sich in einer Freiheit, die sich allen Manipulationsversuchen – die man im Laufe des Lebens gelernt hat – entzieht …

Es ist gut zu wissen, was man tun kann und was nicht. Das, was wir im Grunde sind, unterhalb oder innerhalb unserer unterschiedlichen konditionierten, psychologischen Persönlichkeiten, hat bestimmte Eigenschaften: ES ist eins, lebt in Fülle, ist offen, es kann nicht werten, es ist bereit wie ein Kind, und es bewegt sich in Freude, wie ein Fisch im Wasser …

Taucht man diese Eigenschaften ein, bis man sie nicht nur kennt oder betrachtet, sondern wirklich IST, wird jede dieser Qualitäten zu einem Portal. Und das ist etwas, das man tun kann:

Dinge, die Trennung schaffen, die Mangel kreieren oder die bewerten und verurteilen zu vermeiden, oder zu mindestens ihren Wahrheitsgehalt infrage zu stellen. Das betrifft an die 95 % unserer Gedankentätigkeit …

Offenheit zelebrieren. Offen zu sein, ist ein magischer Platz, an dem wir an keinen Meinungen kleben. Ein Raum, in dem wir lauschen und verfügbar sind für die Strömungen des Wesentlichen …

Freude kultivieren, selbst den kleinsten Funken an Freude oder Bereitschaft folgen, es zu lernen, Freude in unbedeutendsten Bewegungen des Alltags zu finden, sich darin körperlich der Glut der Freude zu überantworten. Überall wo wir unsere Existenz von Herzen genießen, sind wir zu Hause …

 

IMG_6251SW1

Who has nibbled from the well of silence, who has tasted the wine of joy, wants more, wants that all the time, wants to come home. But you can not force silence to unlock its secrets. Not by wanting, by discipline, by seduction or by begging, nor by running our heads against the wall of separation again and again. The existence shows itself only on ist own accord, like a gift, not when you did something right or wrong. It unfolds in a freedom that defies all manipulation attempts – which one has learned in the course of life – …

It’s good to know what you can and can not do. What we basically are, underneath, or within our different conditioned, psychological personalities, has certain qualities: It is one, lives in abundance, is open, it can not judge, it is willing as a child, and it moves in Joy, like a fish in the water …

If one dives into these qualities, until one not only knows or looks at them, but actually BECOMES them , each of these qualities are a portal. And that’s something you can do:

Avoid things that accomplish separation, create lack, or judgement, or at least question their veracity. This concerns about 95% of our thought activity.

Celebrate openness. Being open is a magical place where we stick to no opinions. A space in which we listen and are available for the currents of essence.

To cultivate joy, to follow even the smallest spark of joy or willingness, to learn to find joy in the most insignificant movements of everyday life, to physically surrender oneself into the glow of joy. Wherever we relish our very existence, we are at home …

IMG_6249SW

 

 

Spiel der Gesichter / Game of faces

Kindhearted Grandmother 2

Da gab es diesen Erleuchteten, der sich schon wieder auf die nächste Inkarnation freute, wo er wieder Wege aus der Verstrickung hin zum Wesentlichen finden würde müssen. Und tatsächlich ist es ein unpackbar komplexes Spiel: Tief in uns ist eine Ahnung, eine verborgene Gewissheit dessen, was wir als wahr empfinden und in manchen Momenten bricht das von selbst hervor – egal in welchen Abschnitt unseres Lebens – bahnt sich seinen Weg durch unsere Trance und leuchtet wie ein frisch gestrichenes Schaukelpferd in den Augen eines Kindes. Wir – angestrahlt von der Wahrheit, wie von der Wintersonne – voll verliebt, schwören ewige Treue …

Doch die Trance, das Leben in der psychologischen Persönlichkeit, hat geniale Tricks wieder ihr unbewusstes Netz zu spinnen und ohne es zu bemerken, Zack! Verstrickt. Das Gewicht MEINES Lebens ist wieder da, ernst, wichtig und problematisch. Wie hat das Ego, das bloß wieder geschafft?! Es hat ein paar clevere Spielzüge: Zweifel, ich habe wohl etwas falsch gemacht, etwas an mir ist wohl immer noch nicht in Ordnung, vielleicht wenn ich dies oder jenes erreiche … oder Triumph, ich habe es richtig gemacht! Etwas an mir ist schon sehr genial … oder Gewohnheit, ich hab es mir in der Trance gemütlich gemacht und wiederhole die Vergangenheit …

Sobald wir das glauben, schließt sich das Netz der Identifikation als psychologische Persönlichkeit. Das Spiel braucht deine ganze Aufmerksamkeit, braucht dich in deiner Kraft. Das Spiel braucht DICH. Genau deine Einzigartigkeit. Du hast bereits alles, was nötig ist, um die Wege im Nebel zu finden. Die tausend Wege hin zu dir …

Mit Humor, Leichtigkeit, Integrität und Sanftmut löst du den Bann und sendest die Spielsteine des Egos wieder zurück nach Hause. Jedes Mal, wenn du etwas von Herzen magst, wie klein das auch immer ist, reichst du dem Wesentlichen die Hand und der Nebel lichtet sich. Gibst du dem Widerstand in dir nach, holt das Ego langsam wieder auf. Glaubst du gar nichts, weder deinen Erfolgen oder Misserfolgen aus der Vergangenheit, weder deinen Wünschen und schlauen Strategien in die Zukunft, sondern bist einfach hier – freundlich dem gegenüber, wie du gerade bist – offen und verfügbar, bist du frei, bist bereits am Ziel angelangt …

Kindhearted Grandmother

There has been this enlightened one, who was already looking forward to his next incarnation, where he had to find again ways out of the entanglement back home. And indeed, it’s an unbelievable complex game: Deep within us is an inkling, a hidden certainty of what we know to be true, and in some moments that breaks through by itself – no matter in which part of our lives – it paves its way through our trance and shines like a freshly painted rocking horse in the eyes of a child. We – illuminated by the truth, as by the winter sun – totally in love, swear eternal fidelity …

But the trance, our life in the psychological personality, has ingenious tricks again to spin its unconscious web and without realizing it, Zack! Entangled. The weight of MY life is back, serious, important and problematic. How did the ego manage that?! It has a few clever moves: doubt, I probably did something wrong, something about me is still not o.k. maybe if I achieve this or that … or triumph, I did it right! Something about me is already very ingenious …  or habit, I have made myself comfortable in the trance and repeat the past now …

or habit, I made myself comfortable in the trance and repeat the past

As soon as we believe that, the web of identification closes us in a psychological personality. The game needs your full attention, needs you in your power. The game needs YOU. Exactly your uniqueness. You already have everything you need to find the paths in the fog. The thousand ways to you …

With humor, lightness, integrity and gentleness, you release the spell and send the counters of the ego back home. Every time you really like something, no matter how small, you reach out to the essential and the fog clears. If you give in to the resistance in you, the ego slowly recovers. If you dont believe anything, neither your successes or failures from the past, neither your desires and smart strategies into the future, but you are just here – friendly to the way you are right now – open and available, you are free, you already arrived at the goal …

Kindhearted Grandmother 3

 

Alte Magie / Old magic

 

RAVEN

Die Krähen wachen bereits in aller Frühe und pumpen ab und zu ihr Krächzen in alle Richtungen, noch bevor die Welt mit ihrem Gewusel beginnt. Es sieht so aus, als hätten sie das schon immer getan. Da ist so ein alter Zauber mit dabei …

Dieselbe alte Magie lebt in deinen Augen, die Möglichkeit, die Welt direkt zu sehen, diesen fein gesponnenen Strom eines Februarmorgens in Wien. Die lichtgetränkten Grautöne, in denen die zartesten Flocken treiben wie in hellem Glas, das bei jedem Krähen der alten Wächter flüsternd bricht …

Die ersten Menschen erwachen. Wie die Krähen scheinen auch sie auf etwas Wesentliches zu warten. Sie laufen hierhin und dorthin, besorgen Dinge, aber das Wesentliche ist nicht dabei. Das, was fehlt, ist bereits hier, versteckt in offener Sicht. Es wirbelt in der Luft um die Dinge, wie ein verborgener Gebirgsbach. Du brauchst ES nicht zu machen, es war schon immer hier. Es durchschneidet die Netze der Trance, du musst nicht mehr warten. Es tanzt für dich, und noch während deine Mauern transparent werden, spaziert es bereits keck durch die Öffnung legt sich lasziv auf dein Bett und vertreibt den Schlaf. Es möchte eins sein, unbedingt und am liebsten mit dir …

Raven Katalog

The crows already wake up early in the morning and at times pump their croaks in all directions, before the world begins its bustle. It looks like they’ve always done that. There is such an old magic in it …

The same old enchantment lives in your eyes, the opportunity to see the world directly, this finely spun stream of a February morning in Vienna. The light-soaked shades of gray in which the most delicate flakes drift, as in bright glass, which breaks whisperingly with each crow of the old watchmen …

The first humans awaken. Like the crows, they too seem to be waiting for something essential. They walk here and there, getting things, but the essential one is not among them. What is missing is already here, hidden in open view. It whirls in the air around things, like a secret mountain stream. You do not need to do it, it has always been here. It cuts through the network of trance, you do not have to wait anymore. It dances for you and while your walls become transparent, it already strolls brash through the opening, subsides lasciviously on your bed and drives off sleep. It wants to be one, absolutly and most of all, with you …

Rabe 13

 

Sanfte Riesen / Gentle Giants

 

IMG_0414Wa

Fotos: Renée Kellner

Von Indien kommend fällt es besonders auf: der Februar in Wien ist bezaubernd, so eine stille Welt! Die Vögel wagen grad mal einen winzigen Piep hinein in diese enorme Ruhe. Die nackten Zweige weisen bewegungslos in einen steifen Himmel, alles ist so tief in sich eingebettet …

Der Ausdruck der Menschen ist zwar eher verdrießlich, aber das kommt wohl daher, dass wir zu viel Zeit in unserer psychologischen Persönlichkeit verbringen, da wird das so klein, komprimiert, dicht, problematisch und manchmal richtig fies. Das Ego will zwar gerne wachsen, wichtig sein, größer und bedeutender als die Anderen sein, aber das geht sich nicht aus, denn eigentlich sind wir alle groß, ich meine WIRKLICH riesig, wir wandern mit dem Kopf zwischen den Sternen …

Sobald wir in unsere eigentliche Größe kommen, wird das gleich luftiger, spielerischer. Entgegen aller Behauptungen sind Riesen durchaus sanft, freundlich und humorvoll, sie essen gern, lieben sich gern, was auch immer Riesen tun, egal wie profan und unbedeutend es ist, sie tun es gerne. Sie machen es nicht aus praktischer Notwendigkeit, oder damit es dann eben erledigt ist, sie genießen es, egal ob sie sich den umfangreichen Hintern abwischen oder von ihren großräumigen Autos das Eis abkratzen, ob sie sich gemütlich in ihre riesigen Sesseln zurücklehnen, oder versuchen mit dem Kopf an den Sternen zu streifen, sie MÖGEN es so richtig …

               Idiot

Coming from India, it is particularly noticeable that February in Vienna is enchanting, such a quiet world! The birds dare to take only a tiny beep into this enormous silence. The bare branches point motionless into a stiff sky, everything is so deeply embedded in itself …

The expression of people is rather annoyed, but that is probably because we spend too much time in our psychological personality, then everything gets so small, compressed, dense, problematic and sometimes really nasty. The ego wants to grow, to be important, to be bigger and more important than the others, but that does not work, because we are all really tall, I mean REALLY huge, we are wandering with our heads between the stars …

As soon as we get into our actual size, everything will be more airy, playfully. Contrary to all assertions, giants are gentle, kind and humorous, they like to eat well, to make love, whatever giants do, no matter how profane and insignificant it is, they LIKE to do it. They do not do it out of practical necessity, or just to get it done, they enjoy it, whether they wipe their bulky bottoms or scrape off the ice from their spacious cars, whether they sit back in their huge armchairs, or try to streak their head at the stars, they really LIKE it …

IMG_0447SW