Heilig Abend / Christmas Eve

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Trotz geschwollenem Knöchel, beleidigtem Magen und viel zu schweren Koffer lande ich am 24.12. abends gut in Wien. Noch immer trunken und selig von dem Kunstabenteuer in Marokko taumle ich am Heiligen Abend in die Arme meiner lieben Familie …

Weihnachten hat bei uns immer so einen leichten Irrenhausbeigeschmack. Die Hälfte der Teilnehmenden möchte nicht mehr leben, die einen wollen singen, die anderen nicht. Jemand wird plötzlich total müde und muss schnell nach Hause, vorher sollten aber noch die Geschenke verteilt werden, es sind aber noch gar nicht alle Gäste gekommen. Einer telefoniert die ganze Zeit am Balkon vor lauter Liebeskummer und die Königin des Familiensystems ist überfordert, weil sie einfach Weihnachten feiern möchte, zumindest halbwegs so, wie es sein sollte. Noch dazu haben wir über die Feiertage immer eine neue noch nicht eingeschulte 24- Stundenbetreuung für unsere Tochter …

Der Tochter geht es natürlich nicht gut in dem Chaos und sie beschwert sich lautstark. Sie hat kräftige Lungen und eine große Seele. Die Fähigkeiten, die Menschen scheinbar selbstverständlich im Heranwachsen entwickeln, konnte sie noch nicht lernen, auf ihrer nun schon 14-jährigen Erdenreise …

Die Königin des Familiensystems flieht in das Atelier, sie musste während meines einmonatigen Kunstabenteuers in Marokko alleine standhalten, und jetzt ist es genug.

Ich gehe mit der Tochter in ihr Zimmer, damit sie sich beruhigen kann. Die neue 24-Stundenbetreuung, eine fast nur ungarisch sprechende Dame, folgt uns. Sie versucht mir zu erklären, wie schwierig es sein muss, ein behindertes Kind zu haben und bricht dabei immer wieder in Tränen aus, während die Tochter immer noch am Schreien ist …

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Ich schlage der ungarischen, sehr herzlichen Dame vor, ein bisschen was für sich zu tun, ein kleiner Weihnachtsspaziergang vielleicht? Sie nimmt unter Zögern an und ich bin mit der Tochter allein. Es ist wunderbar still und sie beruhigt sich, rollt sich zusammen mit ihren superbiegsamen Gliedern, meine Hand ruht auf ihren Rücken. Und da ist wieder diese Verbindung: Es ist, als würden wir in eine parallele Landschaft sinken, die viel weiter, stiller und einfacher als die gewohnte Welt ist.

Hier ist sie völlig unversehrt, hier gibt es nichts, das nicht komplett wäre. Sie sieht mich nicht direkt an und dennoch fließen wir im selben Strom. Die Tochter hat mir diese stille Landschaft gezeigt, diesen Ort, an dem nichts fehlt und alles mehr als ganz ist. Da ist so viel Dankbarkeit. Heilig Abend.

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Despite a swollen ankle, an offended stomach and too heavy suitcases, I land well in the evening of 24.12. in Vienna. Still drunk and blessed by the art adventure in Morocco I stagger on Christmas Eve in the arms of my dear family …

Christmas always has a slight whimsical taste with us. Half of the participants do not want to live anymore, some want to sing, others do not. Someone suddenly gets really tired and has to go home quickly, but before that the gifts should be distributed, but not all the guests have arrived yet. On the balcony someone talks the whole time via cell phone to his beloved about his sheer heartache and the queen of the family system is overwhelmed because she just want to celebrate Christmas, at least halfway as it should be. In addition, we have over the holidays always a new, not yet trained, 24-hour care for our daughter …

The daughter of course does not feel well in the mess and she complains loudly. She has strong lungs and a big soul. On her 14-year earthly journey she has not yet been able to learn the skills that people seem to develop as a matter of course …

The queen of the family system flees to the studio, she had to stand alone during my month-long art adventure in Morocco, and now it’s enough.
I’m going with the daughter to her room so she can calm down. The new 24-hour care, a Hungarian-speaking lady, follows us and tries to explain how difficult it must be to have a disabled child, and starts crying every now and then while the daughter is still screaming …

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I suggest to the Hungarian, very cordial lady to do something for herself, a little Christmas walk perhaps? She accepts hesitantly and I’m alone with the daughter. It is wonderfully quiet and she calms down, rolls herself with her supple limbs, my hand resting on her back. And there’s that connection again: it’s like sinking into a parallel landscape that’s much farther, quieter, and simpler than the familiar world.
Here she is unbroken, there is nothing that would not be complete. She does not look at me directly and yet we are flowing in the same stream. The daughter has shown me this quiet landscape, this place where nothing is missing and everything is more than whole. There is so much gratitude. Christmas Eve …

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