PINSELSUCHT

Mein Name ist Briant und ich bin pinselsüchtig. Es ist immer dasselbe: Wenn man traurig ist, malt man, um irgendwie klar zu kommen und wenn man glücklich ist, malt man, um zu feiern. Bei der Ankündigung des soundsovielten Lockdowns ist der erste Gedanke: Sind genügend Leinwände da?

Das Geile? Beim Malen kann man sich Raum nehmen. Es ist sowieso immer die Frage, wie verwendet man den Raum, die Lebenszeit? Wer nutzt die Bühne? Mal ehrlich, blosses Überleben und alles richtig machen war gestern, heute geht es um Begegnung mit dem*der Geliebten, sich rausputzen und zur Sache kommen …

Malen ist eine unglaubliche Kommunikation, als würde der Pinsel an einer Wunderlampe reiben, als könnte er sich fast an die längst vergessenen Zaubersprüche erinnern.
Nach dem Winter, wenn diese frischgeschlüpften pelzigen Insekten bereits hungrig sind und die Blütenknospen rundherum noch klein und hart sind wie Mäusefäuste, versteht man, was Sehnsucht ist. Schönheit ist der Menschen Nektar … und
Stille …

My name is Briant and I am a brush addict. It’s always the same: when you’re sad, you paint to somehow cope, and when you’re happy, you paint to celebrate. When the so-and-so lockdown is announced, the first thought is: are there enough canvases?

The awesome? When you paint, you can take up space. It’s always the question anyway, how do you use the space, the lifetime? Who uses the stage? Let’s face it, mere survival and doing everything right was yesterday, today it’s about meeting your lover, getting dressed up and getting down to business …

Painting is an incredible communication, as if the brush rubbed against a magic lamp, as if it could almost remember the long forgotten magic spells.
After winter, when these newly hatched furry insects are already hungry and the flower buds all around are still small and hard like mouse fists, you understand what longing is. Beauty is the nectar of man … and
silence …

(EASTER)MAGIC

Vom Verstand aus gesehen, gibt es keine Magie, ganz klar, sie ist nirgends zu sehen. Sie ist gut verborgen und geschützt vor den Manipulationen des Ego, welches Dinge nur aus Selbstinteresse tun kann …

Sobald man etwas aus Selbstinteresse tut, also sobald das Ego irgendeine Agenda damit hat, passiert Trennung, man verliert den Kontakt zum Wesentlichen. Die Handlung ist abgespaltet vom Großen und Ganzen …

Die unangenehme Frage, die sich stellt und für die es eine ehrliche Antwort bräuchte, lautet: Ist mir mein Selbstinteresse wichtiger als meine Liebe für das Große und Ganze?

Ego kann die Trennung nicht überwinden, kann von sich aus die Verbundenheit nicht herstellen. Wenn man allerdings etwas tut, dass keinem Selbstinteresse dient, wenn man es ohne Grund macht, einfach so, weil man es mag, kommt die Dimension des Herzens in das Spiel …

Ohne Selbstinteresse fließt ganz von selbst Magie in das Geschehen. Das ist eine ganz natürliche Bewegung, nichts Gemachtes, nichts Gelerntes. Etwas trägt einem über die Trennung und die eigene Anwesenheit bekommt etwas Ehrliches, Offenes, Sanftes …

From the mind, there is no magic, clearly, it is nowhere to be seen. It is well hidden and protected from the manipulations of the ego, which can do things only out of self-interest….

As soon as you do something out of self-interest, that is, as soon as the ego has any agenda with it, separation happens, you lose contact with the essential. The action is split off from the big picture …

The uncomfortable question that arises and for which an honest answer would be needed is: Is my self-interest more important to me than my love for the big and whole?

Ego cannot overcome separation, cannot establish connectedness by itself. However, when you do something that does not serve any self-interest, when you do it for no reason, just because you like it, the dimension of the heart comes into play …

Without self-interest, magic flows into the action all by itself. It is a completely natural movement, nothing made, nothing learned. Something carries you over the separation and your own presence gets something honest, open, gentle …

IL GRANDE IMPRESARIO

Ich würde ja die Geschichte der Menschen nicht unbedingt als Tragödie bezeichnen. Gut, ja, wir wurden aus dem Paradies geschleudert und haben uns seither nicht sehr überzeugend geschlagen, aber was soll man denn erwarten angesichts der fürchterlichen Trennung und ohne Plan?

Wir heulen rum, weil uns ein Virus den Spiegel vorhält oder brüllen rum und meinen im Recht zu sein, haben aber in Wahrheit keinen Tau. Angesichts des seltsamen Stückes, welches wir inszenieren, könnte man durchaus auch von einer Komödie sprechen …

Jenseits von Tragödie oder Komödie hat die menschliche Reise etwas sehr Faszinierendes: Sobald wir den verzerrenden Einflüsterungen des großen Impresarios zwischen unseren Ohren keinen Glauben schenken, wird es still … und das Paradies öffnet wieder seine Pforten …

I wouldn’t necessarily call the history of mankind a tragedy. Well, yes, we were hurled out of paradise and have not done very convincingly since then, but what should one expect in view of the terrible separation and without a plan?

We howl around because a virus holds a mirror up to us or yell around and think we’re right, but in truth we have no idea. In view of the strange play we are staging, one could well speak as well of a comedy …

Beyond tragedy or comedy, there is something very fascinating about the human journey: As soon as we do not believe the distorting whispers of the great impresario between our ears, it becomes silent … and paradise opens its gates again …

RADAR LOVE

Ich lebte mal vor langer Zeit mit einer Katze. Sie ging immer abends mit mir spazieren. Nach einer Weile konnte sie nicht mehr, wartete am Wegesrand, bis ich wieder vorbei kam und wir gingen zusammen nach Hause. Eines Abends ging ich einen anderen Weg zurück, ich dachte, sie würde schon allein kommen, aber sie saß am Morgen immer noch da, wo wir uns getrennt hatten und wartete …

Einmal hatte ich eine Zeit lang in den Northern Terretories in Australien gelebt. Ich zeltete am Strand. Früh morgens lag da auch ein Aborigines mit dem Kopf an einem Stein gelehnt, zwar mit geöffneten Augen, doch mit dem Blick durch das Traumland wandernd. Ich ging den ganzen Tag lang meinen Geschäften nach, als ich abends zurückkam, lag er immer noch genau so da. Das erinnerte mich an eine mir verlorengegangene Dimension …

Es ist entscheidend, worauf wir uns ausrichten. Es kommt auf unsere Loyalität an, darauf, unserer tiefsten, wesentlichen Verbindung zu vertrauen, als könnte das Radar unseres Herzens zu jeder Zeit das Geliebte orten, so fern es auch erscheinen mag, ob es sich zeigt oder nicht, koste es, was es wolle …

I once lived with a cat a long time ago. She always went for a walk with me in the evening. After a while she couldn’t anymore, waited at the wayside until I came by again and we went home together. One evening I went back another way, I thought she would come on her own, but she was still sitting in the morning where we had parted and waiting …

Once I had lived for a while in the Northern Terretories in Australia. I camped on the beach. Early in the morning, an Aboriginal man was also lying there with his head leaning against a rock, his eyes open, but his gaze wandering through dreamland. I went about my business all day long, and when I returned in the evening, he was still lying there just like that. It reminded me of a dimension that had been lost to me …

It is crucial what we align ourselves with. It depends on our loyalty, on trusting our deepest, essential connection, as if the radar of our heart could locate the beloved at any time, however distant it may seem, whether it shows itself or not, whatever the cost …

COMMUNICATION ISSUES

Das Problem ist, dass der Verstand keine Ahnung von Liebe, Verbundenheit oder Schönheit hat. Er ist ein materialistisches Werkzeug, was er nicht sehen kann, ist eher suspekt. Will man mit dem Leben kommunizieren, geht das nicht über den Verstand, weil das einfach nicht die Ebene ist, auf der sich das abspielt …

Der Verstand kennt nur bestimmte Wege wie: Ich will etwas haben oder ‚ich war gut, dann bekomme ich eine Belohnung‘, ‚ich war schlecht, dann verdiene ich nichts‘ etc. Will man mit dem Leben kommunizieren, bleibt nur das Herz …

Selbst im dunkelsten Tal ist zumindest im Warteraum des Herzens Platz. Dort kann man schon mal in Vorfreude auf die nächste Bewegung des Lebens warten. Wenn das Leben zu kommunizieren beginnt, dann spürt sich das an, als würde eine Frucht im Inneren reifen, ein Tautropfen fallen oder eine
Sonne aufgehen …

The problem is that the mind has no idea about love, connection or beauty. It is a materialistic tool, what it cannot see is rather suspect. If you want to communicate with life, you can’t do it through the mind, because that’s simply not the level on which it takes place …

The mind knows only certain ways like: I want to have something or ‚I was good, then I get a reward‘, ‚I was bad, then I don’t deserve anything‘ etc. If one wants to communicate with life, only the heart remains …

Even in the darkest valley there is at least space in the waiting room of the heart. There you can wait in anticipation for the next movement of life. When life begins to communicate, it feels as if a fruit is ripening inside, a dewdrop is falling or a
sun rises …

SPUREN VON FARBE / TRACES OF COLOR

Es ist völlig egal, was man malt, es geht um das wie aus welcher Quelle es kommt. Malt man aus dem Verstand, spricht es einen anderen Verstand an, malt man wild und animalisch, spricht es diesen Aspekt in jemand an, malt man gefühlvoll kommuniziert man auf dieser Ebene, malt man aus der tiefst möglichen Quelle berührt DAS den*die Betrachter*in …

Man kann sich nicht selber austricksen beim Malen, man spürt sofort, wenn der Verstand übernimmt und wann das Sein. Der Verstand hat Angst und will es schnell hinter sich bringen, will so schnell wie möglich zum Ergebnis. Das Sein genießt den Raum, spürt sich hinein, dehnt sich darin aus, berührt den Saum der Wirklichkeit …

Wenn man ein gewöhnliches Leben führt, ist es schwer, beim Malen Außergewöhnliches zu erreichen. Es braucht auch im Leben das Ungewöhnliche: Staunen, Aus-dem-Häuschen-sein, kleine Wunder zwischendurch. Dann zieht der Pinsel ganz von selbst eine Spur wie eine Schar Zugvögel, die über den Himmel streichen …

It doesn’t matter what you paint, it’s about what source it comes from. If you paint from the mind, it speaks to another mind, if you paint wild and animalistic, it speaks to this aspect in someone, if you paint emotionally, you communicate on this level, if you paint from the deepest possible source, THAT touches the viewer …

You can not trick yourself when painting, you feel immediately when the mind takes over and when the being. The mind is afraid and wants to get it over with fast, wants as quickly as possible to the result. Being enjoys the space, feels itself in it, expands in it, touches the hem of reality …

If one leads an ordinary life, it is difficult to achieve the extraordinary in painting. It takes the unusual also in life: Astonishment, to be all excited, experiencing small miracles in between. Then the brush draws a trail all by itself like a flock of migratory birds skimming across the sky …

CORONA – EINE KIRCHE AUS ANGST UND HOFFNUNG / CORONA – A CHURCH OF FEAR AND HOPE

Kein Zweifel, wir sind von einer Pandemie bedroht. Damit wird klar, dass uns der Tod am Rande dieser Lebensspanne erwartet. Vorher konnte man das verdrängen, jetzt nicht mehr so gut. Das Rendezvous mit dem Tod ist fix, mit oder ohne Covid …

Der konditionierte Verstand, das Ego besteht aus Angst und Hoffnung. Das ist im Grunde die einzige Bewegung, die er kennt. Angst und Hoffnung sind dasselbe, sie bewegen sich in Wahrheit nicht über sich selbst hinaus, bleiben miteinander in dumpfen Kreisen …

Eine unreflektierte Gesellschaft – die zu einem hohen Prozentsatz aus kollektiven konditionierten Gedankenmustern besteht – errichtet eine Kirche aus Angst und Hoffnung mit rationalen Fakten und Zahlen als neuem Glauben und Wehe dem, der sich nicht der neuen Kirche beugt …

Es ist wichtig, die Gefahr nicht zu verleugnen und sich ihr angemessen und besonnen zu stellen. Das befreiende Potenzial allerdings, welches die Krise als Geschenk bereithält, ist gleichzeitig die Schönheit der menschlichen Reise: wenn sich im Angesicht der Bedrohung die Samen der Erneuerung in den Herzen regen und über Angst und Hoffnung hinauswachsen …

There is no doubt that we are threatened by a pandemic. Thus it becomes clear that death awaits us at the edge of this life span. Before, it was possible to suppress it, now not so well. The rendezvous with death is fixed, with or without Covid …

The conditioned mind, the ego consists of fear and hope. This is basically the only movement it knows. Fear and hope are the same, in truth they do not move beyond themselves, remain with each other in dull circles …

An unreflective society – which consists to a high percentage of collective conditioned thought patterns – builds a church of fear and hope with rational facts and figures as the new faith and woe to him*her who does not bow to the new church …

It is important not to deny the danger and to face it appropriately and prudently. However, the liberating potential that the crisis holds as a gift is at the same time the beauty of the human journey: when, in the face of threat, the seeds of renewal stir the heart and grow beyond fear and hope …

SANFT UND FREI WIE DER MORGEN / GENTLE AND FREE AS THE MORNING

Die Samen des Egos sind großzügig verstreut. Sobald man sich selbst ernst nimmt, wird aus dem Samen ein Baum, der sich sehr real anfühlt und seine Früchte bringen Leid. Ego ist nichts anderes, als sich selbst wichtig zu nehmen, und sein Reich besteht aus Angst und Hoffnung …

Ego hat ein Investment im Menschen. Es will Macht und Lebensenergie. Alles was dafür geschehen muss, ist dass der Mensch sich nicht erinnert, wer er*sie eigentlich ist und das man an Dinge glaubt, die zwar sehr real erscheinen, aber nicht wahr sind …

Sobald man sich entspannt und sich von den Strömen des Seins abholen lässt, verschwindet das Ego, verstummt das diktierende Radio des Verstandes mit all seinen Aufträgen. Die Samen bleiben zwar weiterhin verstreut, wenn man sie jedoch nicht anrührt, erwacht das tiefere Ich sanft und frei wie der Morgen …

The seeds of the ego are scattered liberally. Once you take yourself seriously, the seed becomes a tree that feels very real and its fruits bring suffering. Ego is nothing but taking oneself important, and its kingdom consists of fear and hope …

Ego has an investment in man. It wants power and life energy. All that it takes for this to happen is that one does not remember who one actually is and that one believes in things that seem very real, but are not true …

As soon as one relaxes and allows oneself to be picked up by the currents of Being, the ego disappears, the dictating radio of the mind with all its orders falls silent. The seeds remain scattered, but if one does not touch them, the deeper I awakens gently and freely like the morning …

MASTER AND SERVANT

‚The mind is a wonderful servant and a terrible master‘
Robin S. Sharma

Als Kunsttherapeut begegnet mir häufig das Phänomen des Gedankenkreisens. Menschen aus allen Gesellschaftsschichten leiden unter der Beziehung mit ihrem eigenen Verstand, der unaufhörlich alte Glaubenssätze, Meinungen, Rechthaberei, zu hohe oder zu niedrige Selbstwertgefühle etc. produziert …

Dieses vom Denken erschaffene laute Ego dominiert das – ebenfalls im selben System lebende – wesenhafte Ich. Dieses leise, intime, herzliche Ich wird bestenfalls wie ein*e Sklave*in geduldet. Hier liegt die grundlegende Täuschung: Auch das ist nur eine – ebenfalls vom Denken erschaffene – Geschichte, sie ist einfach nicht wahr …

Die not-wendige Revolution also wäre diese Geschichte infrage zu stellen, die Machtverhältnisse im Inneren zu klären und das wesenhaften Ich zu krönen. Die lang ersehnte Freiheit zeigt sich, wenn das intime Ich sich so viel ungestörte Lebenszeit nehmen kann, wie es möchte und wann es möchte und in der damit einhergehenden Entfaltung der Schönheit des wesenhaften Ich …

As an art therapist, I often encounter the phenomenon of obsessive thinking. People from all social classes suffer from the relationship with their own mind, which incessantly produces old beliefs, opinions, bossiness, too high or too low feelings of self-worth, etc. …

This loud ego created by the mind dominates the essential I, which also lives in the same system. This quiet, intimate, heartfelt I is at best tolerated like a slave. Here lies the fundamental deception: This is also only a story – also created by thinking – it is simply not true …

The necessary revolution would be to question this story, to clarify the power relations inside and to crown the essential I. The long desired freedom shows itself when the intimate I can take as much undisturbed life time as it wants and when it wants and in the unfolding of the beauty of the essential I …

TAKE A WALK ON THE WILD SIDE

Eigentlich war es ein Traum, der mich vor vielen Jahren auf die wohl faszinierendste Spur gebracht hat. In dem Traum fragte mich eine Frau: ‚What was before Language?‘ Ich antwortete: ‚Das verstehe ich nicht.‘ Sie: ‚Das kann man auch nicht verstehen‘ …

Seither entdecke ich das Land vor Sprache und Verstehen. Das Land der direkten Erfahrung dessen, was ist, noch bevor man es benennen oder konzeptualisieren kann. Dort ist alles frischer, denn wenn man etwas benennt oder in mentale Schubladen steckt, nimmt man ihm den Zauber der ursprünglichen Begegnung …

In dem Land vor Sprache und Verstehen sind wir Eingeborene, ungezähmt, Digital Natives. Wir nehmen nicht nur den rationalen Ausschnitt der Wirklichkeit wahr – den unser Nutz- und Zweckdenken diktiert – sondern das Ganze: Die Ahnen, welche im Rascheln der Blätter flüstern, interstellare Winde, Tiere, die sich über Präsenz mitteilen und wir bewegen uns mitten drin mit wacher Dankbarkeit …

Actually, it was a dream many years ago that set me on probably the most fascinating track. In the dream, a woman asked me, ‚What was before language?‘ I answered: ‚I don’t understand that.‘ She: ‚You can’t understand that either‘ …

Since then I have been discovering the land before language and understanding. The land of direct experience of what is, even before one can name or conceptualize it. There everything is fresher, because if you name something or put it in mental pigeonholes, you take away the magic of the original encounter …

In the land before language and understanding, we are natives, untamed, digital natives. We perceive not only the rational section of reality – dictated by our thinking of profit and purpose – but the whole: the ancestors whispering in the rustling of the leaves, interstellar winds, animals communicating through presence, and we move in the midst of it with awake gratitude …