ICH UND DU / I AND YOU

Das ständige Denken bedeutet, immer im ich zu sein, etwas hinzufügen zum ich oder sich zu verteidigen, damit nichts davon weggenommen wird. Es ist gehalten von kaum wahrnehmbarer Resignation, als hätte man sich in ein Schicksal gefügt und versucht nun das Beste daraus zu machen …

Das ständige Denken tut uns nicht gut, es ist, als würde man essen und immer weiteressen, obwohl man schon satt ist. Man ist voll und doch unzufrieden. Ab und zu ist es wohltuend, zu fasten, leer zu werden, nicht ständig zu reagieren, sondern der Raum zu sein, in dem die Dinge geschehen, ohne sie berühren …

Aus Sicht der Resignation ist es fast unmöglich, in diesen Raum des ‚Du‘ zu wechseln. Mit den gewohnten Mechanismen des Wollens kommt man zwar im ich weiter, nicht jedoch im du. Die Reise in das Du beginnt, indem sich das ‚Ich kann nicht‘ in ein ‚Ich kann‘ wandelt …

Der Bereich des Du öffnet sich über das Zuhören: Dem Kreischen der Straßenbahnbremsen, dem Rauschen der Nacht, dem Wasser, das aus der Dusche läuft, den stillen Wänden ringsum, dem Klopfen des Herzens an die Tür der Götter. Im Moment des Zuhörens hat man die scheinbar endlose Brücke zum Du bereits überquert. Im Zuhören lösen sich ich und Du auf, was bleibt, ist waches Sein. Zuhören muss man nicht machen, zuhören ist bereits …

Constant thinking means always being in the I, adding something to the I or defending it so that nothing is taken away. It is held by barely perceptible resignation, as if one had submitted oneself to a fate and is now trying to make the best of it …

Constant thinking is not good for us, it is like eating and continuing to eat even though we are already full. One is full and yet dissatisfied. Now and theny it is good to fast, to become empty, not to react constantly, but to be the space in which things happen without touching them …

From the point of view of resignation, it is almost impossible to change into this space of ‚you‘. With the habitual mechanisms of wanting, one gets further in the I, but not in the you. The journey into the you begins when the ‚I cannot‘ changes into an ‚I can‘ …

The area of the you opens up through listening: The screeching of the streetcar brakes, the roar of the night, the water running out of the shower, the silent walls all around, the knocking of the heart at the door of the gods. In the moment of listening, one has already crossed the seemingly endless bridge to the you. In listening, you and I dissolve, what remains is awake being. You don’t have to listen, listening already IS …

PORZELLANTRÄUME / PORCLAIN DREAMS

Es gibt immer noch einen Stern, der blinkt über der schlafenden Stadt, immer noch einen Baum, dessen dunkles Wogen man nicht versteht in der ersten Stunde des Morgens. Es gibt immer noch Regen, der an die Scheiben streift und perlt, auch wenn niemand mehr wacht …

Dein allererstes Gesicht kannte noch keine Trennung.
Dein erstes Erleben war noch Heimat für dich, als konntest du deine Stirn dagegen lehnen.
Dein erster Blick sah noch über die fernsten blauen Berge.
Dein erstes Gewahren wanderte durch die Architektur der Stille …

Deine allerersten Träume waren wie aus Porzellan.
Dein erstes Gespräch brauchte keine Worte.
Dein erstes Haus war ein Tempel.
Dein allererster Atem warst ganz du …

There is still a star blinking above the sleeping city, still a tree, whose dark sway is not to be understood in the first hour of the morning. There is still rain, which brushes against the windows and sparkles, even if nobody is awake anymore …

Your very first face knew no separation.
Your first experience was still home to you, as if you could lean your forehead against it.
Your first glance still looked over the farthest blue mountains.
Your first awareness wandered through the architecture of silence …

Your very first dreams were like porcelain.
Your first conversation needed no words.
Your first house was a temple.
Your very first breath was all you …

OKTOBERMOND / OCTOBER MOON

Etwas hält den Körper zurück, etwas zügelt das Geschlecht, etwas drosselt den Atem, etwas bremst den Ausdruck, etwas blockiert Leben. Irgendwie scheint sich alle Energie im Oberstübchen im Biocomputer zu sammeln, und der Rest hängt nur mehr so dran …

Lassen wir das gute Leben in die Spitzen wandern. Lassen wir zu, wer wir sind. In uns pulsiert immer noch der uralte Saft, vibrieren die Zellen im ewigen Takt drängt Natur in unser Frau- und Mannsein, öffnet Schönheit unseren Blick …

Die Wolken ziehen wie an Schnüren gezogen am vollen Oktobermond vorbei. Die Bewegungen und Geräusche der Welt laufen ab wie eine Spieluhr, die man schon aus Kindertagen kennt. Als kümmere sich das Leben in jedem auch noch so kleinem Detail, um sich selbst …

Something holds back the body, something restrains the sex, something throttles the breath, something slows down expression, something blocks life. Somehow all the energy seems to collect in the bio-computer in the mind, and the rest is just hanging on …

Let the good life wander to the peaks. Let us allow who we are. The ancient juice still pulsates within us, the cells vibrate in eternal rhythm, nature pushes into our being woman and man, beauty opens our eyes …

The clouds pass the full October moon as if pulled on strings. The movements and sounds of the world run like a musical clock that we have known since childhood. As if life takes care of itself in every detail, no matter how small …

VOLLKOMMENE UNVOLLKOMMENHEIT / PERFECT IMPERFECTION

Es ist schon erstaunlich, dass man trotz fortgeschrittenen Alters immer noch so unbeholfen mit vielen Dingen ist. Man hat so seine kompletten Baustellen, manches, dass man so halbwegs im Griff hat und relativ wenig hat man wirklich gut drauf …

Im Kollektiven macht uns das zu einer Gesellschaft, die herzlich ungeschickt mit Herausforderungen umgeht. Umweltthematik, Politik, Umgang mit dem anderen Geschlecht, mit anderen Kulturen, mit Andersdenkenden etc. Ganz zu schweigen von der Entwicklung der Menschlichkeit …

Die offensichtliche Unvollkommenheit in individuellen und kollektiven Bereichen kann man streng und ernst nehmen, die eigene Unzulänglichkeit ausblenden und einander Schuld oder Versagen vorwerfen …

Man kann das Ganze allerdings auch mit einer gewissen Portion Humor sehen, denn Dinge Ala Laurel und Hardy in den Sand zu setzen war ja schon immer eine Lachnummer. Gepaart mit etwas Freundlichkeit käme man der Entwicklung der Menschlichkeit einen entscheidenden Schritt näher …

It’s amazing that despite one’s advanced age one is still so clumsy with many things. You have your disaster sites, some things that you have halfway under control and relatively little you are really good at …

Collectively, this makes us a society that deals with challenges in a heartily clumsy manner. Environmental issues, politics, dealing with the opposite sex, with other cultures, with those who think differently, etc. Not to mention the development of humanity …

The obvious imperfection in individual and collective areas can be taken strictly and seriously, one can ignore one’s own inadequacy and blame another for failure …

But you can also look at the whole thing with a certain amount of humor, because to mess things up like Laurel and Hardy has always been a good laugh. Coupled with a little friendliness one would come a decisive step closer to the development of humanity …

AUS HEITEREM HIMMEL / OUT OF THE BLUE

Aus heiterem Himmel weht deine persönliche Geschichte mit allen Problemen in einer unglaublich sanften Bewegung einfach davon. Aus heiterem Himmel fallen die Filter von den Sinnen. Aus heiterem Himmel zeigt sich die Welt, wie sie ist, jenseits deiner Interpretationen …

Egal, was die persönliche Geschichte beinhalten mag, sie zeigt noch kurz ihre flüchtige Gestalt und winkt zum Abschied, wenn die Maske der Dinge fällt. Aus heiterem Himmel enthüllt sich der unsichtbare Berg, auf dem die Welt projiziert ist. Aus heiterem Himmel wurden Ignoranz und Zweifel zu Staub und Asche …

Aus heiterem Himmel zieht dich Frieden in seinen Bann. Aus heiterem Himmel wird ich zum du und du zum ich. Aus heiterem Himmel geschieht all das, weil du deine süße Aufmerksamkeit – für einen Moment – dem Ewigen in dir geschenkt hast …

Out of the blue, your personal story with all its problems just blows away in an incredibly gentle movement. Out of the blue the filters fall from the senses. Out of the blue the world shows itself as it is, beyond your interpretations

No matter what the personal story may contain, it still briefly shows its fleeting form and waves goodbye when the mask of things falls. Out of the blue, the invisible mountain on which the world is projected is revealed. Out of the blue, ignorance and doubt became dust and ashes …

Out of the blue, peace casts its spell over you. Out of the blue I become you and you become me. Out of the blue all this happens because you have given your sweet attention – for a moment – to the Eternal within you …

TALKING TO THE MOON

Mit dem Mond zu sprechen bedingt den ganzen Menschen, nicht bloß die kleinen gedanklichen Wellen an der Oberfläche. Es braucht die Stimme aus der Tiefe des Herzens. Die Antwort des Mondes hört man nicht mit den Ohren, der ganze Körper lauscht seiner ungeheuerlichen Existenz …

Was man dem Mond erzählt, geschieht bereits. Mit 1000 feinen Silberklingen löst er den Kokon, befreit aus der Maske der Welt. In seinem Licht spiegelt sich der eigene nackte Glanz …

Kein Wunder, dass man früher tanzte mit Federn in den Haaren. Kein Wunder, dass  Frauen bluten, Wölfe heulen und das Meer sich hebt …

Talking to the moon requires the whole human being, not just the small mental waves on the surface. It needs the voice from the depth of the heart. The answer of the moon is not heard with the ears, the whole body listens to its outrageous existence …

What you tell the moon is already happening. With 1000 fine silver blades it releases the cocoon, frees from the mask of the world. In its light the own naked brilliance is reflected …

No wonder that people used to dance with feathers in their hair. No wonder that women bleed, wolves howl and the sea rises …

DAS FENSTER / THE WINDOW

Die Verstrickungen der Welt machen müde. Die Stimme der unversöhnten Wunde treibt an: Bleib nicht stehen. Bleib geschäftig. Sei nur ja nicht still weiter, weiter. Als würdest du weglaufen, als würde dein Leben davon abhängen …

Die nagende Rastlosigkeit ist eine gute Erinnerung. Ein Zeichen, die Dinge der Welt liegen zu lassen, sich nicht mehr um das Zeitgebundene zu kümmern. Das Zeitlose ruft dich. Du öffnest das Fenster und lässt dich von Peter Pan entführen …

Am Herz entfaltet sich das stille Meer. Eintauchend – als ob man ur-alten Stimmen folgte, als würde man im Vorsprachlichen walten, als hätte man die süße Braut am Grund der Kunst geküsst – sinkt man unter die Haut der Landschaft und in den Körper – fraglos – wie ein*e Eingeborene*r …

The entanglements of the world make you tired. The voice of the unreconciled wound drives: Do not stop. Stay busy. Just don’t keep quiet, keep going. As if you were running away, as if your life depended on it …

The nagging restlessness is a good memory. A sign to leave the things of the world alone, to no longer care about the time-bound. The timeless calls you. You open the window and let Peter Pan take you away…

The silent sea unfolds at your heart. Immersing yourself – as if you were following ancient voices, as if you were travelling beyond language, as if you had kissed the sweet bride at the bottom of art – you sink under the skin of the landscape and into your body – unquestionably – like an native …

DO YOUR WORK!

Es gibt kaum etwas, das einem so lebendig macht, wie seine*ihre Arbeit zu tun. Wobei hier nicht die Arbeit gemeint ist, die man allgemein mit diesen 9 to 5 Jobs verbindet,  bei denen man Geld dafür bekommt, wenn man etwas tut, das jemand anderer nicht tun möchte …

Die gute Arbeit ist, was sich schon immer durch einen ausdrücken wollte, was schon seit jeher in uns angelegt ist. Es ist, als ob sich das was man ist, im Tun erlebt. Manchmal muss man sich die Hemdsärmel hochkrempeln, um das Trägheitsmoment zu überwinden und anzufangen. Ab einem gewissen Zeitpunkt trägt es einem wie von selbst und man möchte gar nicht mehr aufhören …

Die gute Arbeit zu tun, bedeutet, sich zur Verfügung zu stellen, sich der Quelle zu öffnen, und das ‚ich kann nicht‘ in ein ‚ich kann‘ zu wandeln. Auf der anderen Seite der Resignation beginnt das Abenteuer. Die Arbeit ist wie eine quest, in der man immer wieder – wie zum ersten Mal – neue Türen öffnet und den Dingen frisch begegnet …

There is hardly anything that makes you feel as alive as doing your job. Whereby here is not meant the work, which one connects generally with these 9 to 5 jobs, with which one gets money for doing something, which someone else does not want to do …

The good work is what has always wanted to express itself through you, what has always been inherent in us. It is as if what you are is experienced in doing. Sometimes you have to roll up your shirt sleeves to overcome the moment of inertia and start. At a certain point it carries you as if by itself and you don’t want to stop anymore …

To do the good work means to make oneself available, to open oneself to the source, and to transform the ‚I can’t‘ into an ‚I can‘. On the other side of resignation the adventure begins. The work is like a quest, in which one opens new doors again and again – like for the first time – and encounters things in a fresh way …

FLOW

Kreatives Anteilhaben an der Schöpfung ist eine ganz andere Kiste als die funktionale Herangehensweise, welche von Nutzdenken geprägt ist. In einem kreativen Prozess bewegt man sich wie in einem Traum, trifft Entscheidungen wie ein Vogel im Flug. Das Erleben ist unabhängig, nicht an rationale Überlegungen und Konditionierungen gebunden …

Kreativität ist wie ein Fluss. Man kann sich dem Fluss anvertrauen und sehen, wohin er einem führt. Macht man das öfter, sieht man ein paar Gesetzmäßigkeiten: Nichts ist zufällig, Fehler spielen keine Rolle, alles ist miteinander verbunden, Interesse und Freude sind wie ein Kompass und eine innewohnende Intelligenz, die weit über den Verstand hinausgeht, führt einem entlang …

Das verrückteste Phänomen allerdings ist, dass Kreativität sozusagen von ganz allein funktioniert, es braucht MICH nicht, es braucht keine psychologische Persönlichkeit, die es lenkt, ja, es geht sogar besser vonstatten, wenn sich dieses Ego gar nicht einmischt, denn es hätte sowieso nur entweder Angst zu versagen oder übersteigerte Erfolgsfantasien …

Dort, wo der Wind beginnt, wird man niemand. Dort, wo die Jahreszeiten wechseln, löst man sich in allem auf. Dort, wo das ergraute Eichhörnchen seinen letzten Atemzug macht, bleibt das, was ist. Dort, am Anfang aller Dinge, taucht der Pinsel – jenseits von richtig und falsch – in die Quelle der Kreativität und zieht fraglos seine Bahn …

Creative participation in the universe is a completely different mode than the functional approach, which is characterized by profit thinking. In a creative process you move like in a dream, make decisions like a bird in flight. The experience is independent, not bound to rational considerations and conditioning …

Creativity is like a river. You can entrust yourself to the river and see where it takes you. If you do this more often, you will see a few laws: Nothing is random, mistakes don’t matter, everything is connected, interest and joy are like a compass and an inherent intelligence that goes far beyond the mind leads you along …

The craziest phenomenon, however, is that creativity works on its own, so to speak. It doesn’t need ME, it doesn’t need a psychological personality to guide it, yes, it works even better if this ego doesn’t interfere at all, because it would only have either fear of failure or exaggerated fantasies of success …

Where the wind begins, you become nobody. There, where the seasons change, you dissolve into everything. There, where the gray squirrel takes its last breath, remains what is. There, at the beginning of all things, the brush – beyond right and wrong – dips into the source of creativity and undoubtedly draws its course …

ON TOP OF THE WORLD

„Es gab einmal, als Frauen noch Vögel waren, das einfache Verständnis, dass in der Morgendämmerung zu singen und in der Abenddämmerung zu singen die Welt durch Freude heilte.
Die Vögel erinnern sich noch
was wir vergessen haben,
dass die Welt dazu bestimmt ist, gefeiert zu werden“.
Terry Tempest Williams

Man versucht, das Leben irgendwie hinzubekommen. Dazu macht man Pläne, in denen man meint, es besser zu wissen, hat jedoch meist eine sehr begrenzte Sicht auf die Dinge. In diesem bloßen Überlebensmodus bleibt keine Energie mehr für das Eigentliche. Es braucht eine klare Absicht und genügend Kraft, um das wirkliche Leben beim Namen zu rufen …

Die Spirits mischen sich erst ab einem gewissen Level an Präsenz ein und bringen frischen Wind ins Spiel. Der Unterschied zwischen einfach so dahin leben zum wirklichen Leben ist ungefähr so, als würde man sich in Malen nach Zahlen üben oder mit den Pinselstrichen jubelnd bis zum Rand des Möglichen vordringen …

Gipfelerlebnisse heben mit der barocken Wildheit eines Adlers von der Normalität ab, halten sich nicht an vorgezeichnete Pläne, atmen scharfe Luft, brennen glasklar im Wesentlichen und feiern reich bewirtet im Haus des späten Sommers …

“Once upon a time, when women were birds, there was the simple understanding that to sing at dawn and to sing at dusk was to heal the world through joy.
The birds still remember what we have forgotten, that the world is meant to be celebrated.”
Terry Tempest Williams

You try to get life right somehow. To do this, you make plans in which you think you know better, but usually have a very limited view of things. In this mere survival mode there is no energy left for the real thing. It needs a clear intention and enough strength to call real life by its name …

The Spirits will only interfere and bring a breath of fresh air into the game when a certain level of presence is reached. The difference between living just like that and real life is similar to the difference between practicing painting by numbers or reaching the edge of the possible with jubilant brush strokes …

Peak experiences stand out from the norm with the baroque wildness of an eagle, do not stick to pre-determined plans, breathe sharp air, burn crystal clear essentially and celebrate richly feasted in the house of late summer …